Freitag, 10. April 2015

„Man muss frei sein im Denken, um Dinge zu sehen“

Herlinde Koelbl im Künstlergespräch in der LUDWIGGALERIE

von Sarah Bauer

Mit Bedacht nimmt sie hinter dem langen Tisch Platz. Feuerrote Locken umspielen das Gesicht. Orangefarbener Schal, neongrüner Pullover unter dem dunklen Jackett. Die Augen hellwach. Zahlreiche Münder starren hinter ihr von Fotos aus in den Raum. Aus dem Publikum sprechen fragende Blicke. Dann redet sie. Über Disziplin und Leidenschaft. Krieg, feine Leute. Ihren Blick in die Seele der Menschen. Fotografin Herlinde Koelbl beim Künstlergespräch zu Gast in der LUDWIGGALERIE.

Fotografin Herlinde Koelbl vor ihrer Installation "Goldmund".



Jede Frage von Dr. Christine Vogt, Leiterin der LUDWIGGALERIE und Moderatorin des Gesprächs an diesem Abend, erwiderte Herlinde Koelbl ausführlich und in aller Tiefe. Jeder Ausführung wohnt eine Essenz inne. "Fotos sind immer ein Spiegel der Gesellschaft.“ 

Woher kommen die ganzen Ideen? Zu Projekten wie Spuren der Macht, Schlafzimmer oder ganz aktuell auch Targets. „Ich suche sie nicht, sie kommt zu mir.“

Die 75-jährige Fotografin gestikuliert, punktiert die Luft im Raum vor sich mit dem Zeigefinger. Diese Langzeitprojekte. Die 15 Jahre andauernde Beobachtung der Spuren, die die Macht bei Gerhard Schröder hinterlassen hat. „Ich lege vorher keine Zeitspanne fest. Ich höre erst auf, wenn ich sehe: Jetzt stimmt es, jetzt ist es rund.“

Euphorie über gelungene Bilder. „Wenn die Bilder zwei Jahre liegen, ist die Euphorie weg und man guckt nur noch: Stimmt es? Man muss da streng mit sich selbst sein.“

Die Moderatorin des Abends Dr. Christine Vogt, Direktorin der LUDWIGGALERIE (l.).

Herlinde Koelbl wirkt lebhaft. Dabei lacht sie viel mehr mit ihren Augen als mit dem Mund.
„Ich nehme den Menschen an. Dass sie sich öffnen. Ich ver- und beurteile sie nicht, weil sie sind, wie sie sind. Ich bin immer offen. Zeige, dass ich an ihnen interessiert bin.“ Der Respekt der Künstlerin vor den Menschen auf ihren Fotos spiegelt sich in ihrem Tonfall, in Gestik und Mimik wider.

Und dann ganz wichtig: „Man muss frei sein im Denken, um Dinge zu sehen.“ Sie betont das, blickt ihre Zuhörer intensiv an. 

Aber nicht nur das. Nicht nur das Denken spielt eine Rolle bei der Entstehung von Ideen und Motiven. Eine Zuschauerin kommt auf die Momentaufnahmen der Serie Feine Leute zu sprechen.
„Die Wahrnehmung ist ganz entscheidend für die Fotografie. Ich muss aus der Körpersprache heraus merken: Passiert etwas oder nicht. Aus dem Fluss heraus muss ich das sehen. Er braucht eine große Wachheit. Es ist wichtig, den bestimmten Moment zu erwischen, in einer Intensität, dass es auf den Betrachter übergeht.“

Die Worte kommen überlegt. Aus einer tiefgründigen Abwägung heraus. Aus langer Erfahrung und noch längerer Beschäftigung mit den Dingen jenseits des bloßen Herunterdrückens des Auslösers.
„Pianisten haben eine Vorstellung, wie etwas klingen sollte. In der Fotografie ist das ähnlich. Man darf sich nicht zu früh zufriedengeben. Man muss diese Energie haben, sich nicht zufriedenzugeben.“
Die Leidenschaft hinter diesen Aussagen kommt gerade durch die Ruhe und Festigkeit in Herlinde Koelbls Worten zum Ausdruck.

„Disziplin und Leidenschaft gehören zusammen.“

Nie aufgebracht aber immer leidenschaftlich dabei: Herlinde Koelbl.

Dann sind da noch die jüdischen Portraits. Eine Nachfrage aus dem Publikum. Auf die offenbar viele gewartet haben. Zustimmendes Gemurmel. „Im Ausland ist man immer Deutscher. Mit allen Konsequenzen. Also habe ich mich gefragt: Wie nähere ich mich diesem Thema?“
Die Künstlerin senkt die Augenlieder und scheint hintergründig in Gedanken an die Begegnungen mit den portraitierten Holocaust-Überlebenden versunken zu sein, während sie weiterspricht.
„Ich war beeindruckt von der Bescheidenheit dieser Menschen. Und der gewissen Heiterkeit – trotz allem, was sie erlebt haben.“

Kurz spricht sie über etwas anderes, um dann noch einmal darauf zurückzukommen. „Die Gespräche hatten eine große Intensität. Wir können glücklich sein, dass wir hier so leben, wie wir leben.“

Wieder driftet das Gespräch in eine andere Richtung und doch in eine ähnliche. Targets. Koelbls Dokumentation von militärischen Schießzielen weltweit. „Was mich beschäftigt: Zu was Menschen fähig sind.“ Sie denkt kurz nach. „Sie sehen nichts von dem, was im Fernsehen ist. Aber es geht viel tiefer.“

Nach anderthalb Stunden endet das Gespräch. Herlinde Koelbl legt sich einige Filzstifte zurecht und unterzeichnet in aller Ruhe Bildbände und Plakate für die Besucher. Alle ahnen: Man hätte noch viel länger über tiefgründige Themen reden können.

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