Donnerstag, 25. Juni 2015

„Das Ruhrgebiet hat seinen ganz eigenen Klang!“

Künstlerinterview mit Sebastian Daniel

von Sarah Bauer

In unserer aktuellen Ausstellung GREEN CITY ist neben den verschiedenen Arbeiten von über 60 Künstlern auch der Film +Ruhrpottromantik  von Sebastian Daniel zu sehen. Wir haben uns mit ihm auf einen Kaffee getroffen und über Zeitraffer, Hektik und – natürlich – den romantischsten Ort des Ruhrgebiets gesprochen! 

Der Film „ruhrpottromantik“ – Ihre Diplomarbeit aus dem Wintersemester 2011/2012 – zeigt den ehemaligen Kohlenpott als farbenprächtige Metropole. Was ist in diesem Zusammenhang für Sie „Romantik“?

Erst mal habe ich den Titel für den Film gewählt, weil der Begriff 2010 beim Kulturhauptstadt-Jahr aufkam. Ich persönlich verbinde mit Ruhrpottromantik das historische Erbe aber auch die vielen Restaurierungen der letzten Jahre in der Region. Dass man heute quasi die Vergangenheit besuchen kann und sich damit auseinandersetzt. 

Sebastian Daniel mit dem Mikrophon und der Kamera, mit der er auch den Film "ruhrpottromantik" aufgenommen hat.



Der Film hat eine Länge von etwa acht Minuten. Es erscheinen unglaublich viele Orte des Reviers, diese dazu noch im Zeitraffer. Mal ehrlich, wie lange haben Sie in realer Zeit für das Projekt gebraucht?

Ich habe im April 2011 angefangen, als die Bäume langsam grün wurden. Bis Ende Oktober habe ich dann nur fotografiert. Manche Orte habe ich gezielt besucht, bei manchen bin ich dann auch einfach mit der S-Bahn losgefahren, ab und zu ausgestiegen und habe spontan schöne Sachen entdeckt.
Das konnte ich nicht jeden Tag machen, weil ich neben dem Studium gearbeitet habe aber ich hatte mir einen Plan gemacht für spezielle Termine wie das Drachenfest in Gelsenkirchen oder die Extraschicht, die ich auf jeden Fall nicht verpassen wollte.

Für den Film nutzten Sie die „Fake-Tilt-Shift-Technik“. Wie funktioniert diese Technik?

Die Tilt-Shift-Technik kommt eigentlich aus der Architektur-Fotografie. Mit Tilt-Shift-Objektiven kann man Fassadenlinien begradigen – sogenannte stürzende Linien. Wenn man von unten nach oben fotografiert hat man ja sonst oft schiefe Linien. Wenn man allerdings mit dieser Technik von oben nach unten fotografiert, ergibt sich ein Miniatureffekt, was man ja auch im Film später sieht.
Ich wollte allerdings nicht das klassische Tilf-Shift-Objektiv nutzen, sondern andere Wege gehen als die typischen Filmer in dem Bereich. So habe ich den Effekt erst im Anschluss mit einem Videoprogramm eingefügt. Daher das „Fake“. Der Film wirkt dadurch auch nicht so auf Hochglanz poliert, sondern lässt auch Schmutz zu, was insgesamt gut gepasst hat. 

ruhrpottromantik, 2015 © Sebastian Daniel

Weshalb haben Sie sie eingesetzt?

Ich habe ein bisschen recherchiert und herausgefunden, dass es für das Ruhrgebiet noch keinen Film in dieser Tilt-Shift-Optik gibt wie etwa für New York oder Hongkong. Dabei ist das Ruhrgebiet genauso ein spannender Ballungsraum wie diese Städte. Da der Film Teil meiner Diplomarbeit war und ich im Studium schon den Schwerpunkt auf Bewegtbilder gelegt hatte, wollte ich mir dieses Thema dann genauer anschauen und es auch untersuchen.

Wie ist die einprägsame Soundkulisse im Hintergrund des Films entstanden?

Ich hatte mein Mikrophon immer dabei, wenn ich auch die Kamera dabei hatte. So habe ich zum Beispiel die Geräusche der A 40, der Stadien oder auch die Natur aufgenommen. Ich finde, das Ruhrgebiet hat seinen ganz eigenen Klang.
Die ganzen Töne habe ich dann am Ende zu einzelnen Soundtracks komponiert und Kategorien wie „Straße“ oder „Natur“ zugeordnet. Je nach Motiv und Schnitt ergibt sich ein Rhythmus. Für Verkehrswege habe ich dann zum Beispiel Bässe aus den Lastwagen auf der A 40 gemacht. Mir war wichtig, dass nicht einfach nur Musik im Hintergrund läuft. Mein Film verniedlicht die Region dadurch nicht so wie andere Filme.

Was ist für Sie der romantischste Ort des Ruhrgebiets?

Oha, das ist schwierig. Es gibt so viele Orte (lacht). Vielleicht die Halde Hoheward. Da hat man den weitesten Blick. Man sieht nicht nur eine Stadt. Dazu noch die ganzen anderen Halden, zum Beispiel auch den Tetraeder. Im Grunde sind alle Halden romantische Orte, finde ich.

Apropos Zeitraffer: Sind Sie eher ruhiger oder ein hektischer Mensch?

Ich bin schon hektisch. Kann sein, dass sich das auch auf den Film übertragen hat (lacht). Das passt schon ganz gut zu mir. Oder sagen wie vielleicht lieber: Ich bin ungeduldig.

Zuletzt noch zu Ihrer allgemeinen Arbeit: Eine Homepage aus Modelliermasse, ein Web-Video aus animierten Scherenschnitten – arbeiten Sie lieber analog oder digital?

Am liebsten arbeite ich gemischt. Mein Spezialgebiet ist es, alte analoge Technik auszugraben und neu zu entdecken, dann zu bearbeiten und aufzufrischen. Im Moment arbeite ich an meinem ersten Musikvideo, wo ich diese Wachsmal-Kratz-Technik verwende, die man noch aus der Kindheit kennt. Während des Studiums habe mal an einer Internetseite gearbeitet, deren Oberfläche ich zuerst aus Modelliermasse geknetet und später dann in Flash umgesetzt habe. Ja, es ist spannend und reizvoll, Analoges und Digitales zu verbinden!

Hier könnt ihr euch vorab einen kleinen Ausschnitt aus dem Rohmaterial des Films anschauen:


Sebastian Daniel wurde 1977 in Bochum geboren. Er studierte Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Düsseldorf mit dem Schwerpunkt Bewegtbilddarstellung und Illustration. Neben dem PC gesellen sich auf seinem Arbeitstisch gern Papier, Pinsel, Acrylfarben, Karton und Kohle zueinander. Der Kurzfilm „ruhrpottromantik“  war Teil seiner Diplomarbeit im Wintersemester 2011/2012. Der Streifen gehörte zum Filmprogramm der Extraschicht 2012 und des Filmfestivals des Ruhrgebiets "Blicke 20". Der Diplom-Designer lebt und arbeitet auch heute noch in Bochum. 

Noch bis zum 13. September 2015 ist der Film „ruhrpottromantik“ im Rahmen unserer aktuellen Ausstellung GREEN CITY. Geformte Landschaft – Vernetzte Natur. Das Ruhrgebiet in der Kunst in der LUDWIGGALERIE auf einem großformatigen Bildschirm mit toller Akustik zu sehen.

Hier geht es zur Homepage von Sebastian Daniel: www.sebastiandaniel.de, zur Facebookseite des Films und zum Twitter-Account!

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