Donnerstag, 30. Juli 2015

Der Traum vom verchromten Bergbaustollen

Künstlerinterview mit Becker Schmitz

von Sarah Bauer

Er baut Häuser aus goldener Folie, spannt analoge Seile in den digitalen Raum hinein und begibt sich mit seiner Kunst auf persönliche Sinnsuche. Künstler Becker Schmitz ist ein Mann mit großen Ideen, der gern auch mal seine kleine Tochter mit zu Kunstaktionen nimmt. Wir haben mit ihm über seine Arbeit und Visionen gesprochen.

Becker Schmitz beim Aufbau des "Blow Up / Haus" in der LUDWIGGALERIE © LUDWIGGALERIE

In der Ausstellung GREEN CITY ist dein „Blow Up / Haus“ zu sehen. Ein goldenes Haus, das vor lauter Luft fast zu platzen scheint. Was möchtest du damit ausdrücken?

Die Ausstellung GREEN CITY erzählt eine Geschichte über das Ruhrgebiet und ich beteilige mich daran. Hier zeige ich jetzt ein Aggregat, das ich „Blow Up“ nenne. Es besteht aus Rettungsdecken. Ich habe sie zu einem großen goldenen Tuch verklebt und ein Schnittmuster von einem Haus angelegt. Dadurch entsteht beim Material eine Kontextverschiebung: Die Rettungsdecke als solche wird nicht mehr erkannt. Eine ähnliche Bedeutungsverschiebung findet auch im Ruhrgebiet statt. Sie wird hier Strukturwandel genannt und der prägt dann auch wiederum die Kunst vor Ort.

Du malst Ölbilder, gestaltest Skulpturen, spannst Seile und nimmst ganze Räume mit deinen oft abstrakten Installationen ein – also höchst unterschiedliche Projekte. Woran arbeitest du künstlerisch am liebsten?

Ich frage mich immer: Kann ich aus Fläche Raum machen und aus Raum Fläche und lässt es sich irgendwie verbinden? An Akademien und Hochschulen begegnen die Studierenden zuerst den klassischen Mitteln, also zum Beispiel Farbe auf Leinwand. Eine künstlerische Haltung lässt sich aber auf verschiedene Materialien und Gesten übertragen. Die Schnittstellen von Raum und Fläche entsprechen der Mehrdimensionalität des menschlichen Wesens. Mehrdimensionalität zu verbinden und abzubilden ist daher mein Anliegen.

Becker Schmitz (r.) und Pascal Bruns (l.) am Internationalen Museumstag © LUDWIGGALERIE

Apropos Verbindungen. Ein besonderes Projekt von dir und Pascal Bruns ist „Hold The Line“ – beschreibe es in drei Sätzen für jemanden, der noch nie davon gehört hat!


„Hold The Line“ ist die Zeichnung im Raum, die Architektur und öffentlichen Raum als Malgrund versteht und die zurückgelegten Wege wie eine Geste sichtbar macht. Diese Zeichnungen werden dann um einen anderen Aspekt erweitert: Kann man diese durchweg analoge Erfahrung im digitalen Raum in ein eigenständiges Kunstwerk transformieren?

Deine Ölgemälde sind oft recht düster und zeigen viel Natur in leicht abstrakter Form – bist du eher ein fröhlicher oder eher ein nachdenklicher Mensch?

Auch wenn viele Arbeiten sehr verspielt und mitunter unheimlich wirken, halte ich mich für einen ernsten aber positiven Menschen. Vielleicht liegt es an den dunklen Bildräumen und den verkrusteten Strukturen auf der Oberfläche, die dem Betrachter ein unheimliches Gefühl geben. Vielleicht auch an den seltsamen Verwaschungen. Sie laden das Bild mit Bedeutung auf. Sie sind nicht abstrakt und deshalb auch nicht oberflächlich. Sie nähern sich einer Wahrheit, die auf der Suche nach sich selbst ist. Diese Suche zieht sich durch die Kunstgeschichte wie ein roter Faden und wird die Abstraktion und Oberflächlichkeit unserer Zeit überdauern. Diese Sinnsuche ist auch Bestandteil meiner Kunst.

"Im Bruch", 2013 © Becker Schmitz

Du hast eine außergewöhnliche Homepage – ohne Menüpunkte und Orientierung. Wieso so rätselhaft?

Diese Website habe ich 2010 gebaut und ich finde es wichtig, dass die Darstellungsformen im Netz ebenfalls eine Transformation erfahren, die über die Bedeutung der  „Usability“ hinaus geht. In meinen Bildern versuche ich einen Baum zu malen, ohne einen Baum zu malen. Diese Haltung habe ich auf den klassischen Aufbau einer Homepage übertragen.
Ich überlegte mir, wie ich ein Menü ohne Menü abbilden kann. Auch für mich gilt, dass eine Website als Portfolio funktionieren muss. Aber ich mag das Geheimnis und das Erforschen. Diese Website wird so zu einem Statement für meine Ansichten, meine Haltung konsequent auf alle Bereiche zu übertragen.

Wenn dir unbegrenzt Mittel, Zeit und Raum zur Verfügung stünden – was für ein Kunstwerk würdest du dann erschaffen?

Ich würde einen 1:1 Abguss von allen Stollen erstellen, die durch den Bergbau im Ruhrgebiet entstanden sind. Anstelle von Tunneln in der Erde ragt der Abguss dann in den Himmel. Der Bergbau als Formgeber der größten Skulptur aller Zeiten. Verchromt oder vergoldet!
Das „Blow Up / Haus“ 
Das Kunstwerk „Blow Up / Haus“ hat inzwischen einen „Strukturwandel“ vollzogen und ist nun als „Golden Pillow / 38°C“ in der Ausstellung GREEN CITY (bis 13. September) zu sehen.
Mit ihrem Projekt „Hold The Line“ waren Becker Schmitz und Pascal Bruns am Internationalen Museumstag 2015 live bei uns an der LUDWIGGALERIE vor Ort!

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