Mittwoch, 15. Juli 2015

„Ich versuche gezielt, mich zu verirren.“

Künstlerinterview mit Wolfgang van Triel

von Sarah Bauer

Sind Fotos poetisch? Was machen Stadt und Natur mit uns und was machen wir aus ihnen? Unter den über 60 Künstlerinnen und Künstlern, die zurzeit in unserer Schau GREEN CITY ausstellen, ist auch Fotograf Wolfgang van Triel. Wir haben einen schwarzen Kaffee für ihn aufgesetzt, um mehr über seine Sicht auf das grüne Ruhrgebiet zu erfahren.


Wolfgang van Triel vor seinen Werken in der Ausstellung GREEN CITY © LUDWIGGALERIE

In unserer aktuellen Ausstellung sind Bilder aus Ihrer Fotoserie „Urban Nature“ zu sehen. Was fasziniert Sie an der Natur in der Stadt?

Früher gab es den Gegensatz zwischen der von Menschenhand unberührten Naturlandschaft und der gestalteten Kulturlandschaft. Diese Naturlandschaft gibt es aber inzwischen in diesem Sinne gar nicht mehr.
Die Aufhebung dieses Gegensatzes und die bewusste Gestaltung der Städte, in die die Menschen die Natur zurückholen, entspricht heute der Sehnsucht der Menschen, Natur und Urbanität als Einheit zu erleben. Charakteristisch im Ruhrgebiet sind für diesen Prozess die Landschaftsparks, die auch auf den Fotos in der Ausstellung GREEN CITY zu sehen sind und die neuen Stadtviertel, die am Wasser gebaut werden oder künstlich angelegt werden. Da haben wir mit dem Phönixsee in Dortmund und dem Innenhafen in Duisburg auch beispielhafte Projekte. Mir macht es Spaß, genau nach diesen vielfältigen Formen zu suchen, in denen Natur auf die Stadt trifft und zu sehen, welche individuellen Ausformungen das findet und daraus ästhetische Bilder zu machen. Als Fotograf ist man mitten drin in diesem Prozess der Gesellschaft.
Spontan oder mit Plan – ziehen Sie für Ihre Fotografien einfach mit der Kamera los oder recherchieren Sie die Orte vorher ausführlich?

Ich arbeite spontan – auch ohne Stativ. Nur bei Nachtaufnahmen, mit denen ich letzten Winter angefangen habe, natürlich nicht.
Ich lasse mich treiben, biege in Straßen und Wege ab, die mir beim ersten Blick nicht ins Auge gefallen sind. Da kann man unerwartete Entdeckungen machen. Natürlich gehe ich manchmal auch gezielter vor, weil ich eine Information über einen Ort bekommen habe. Wenn ich dann alles im Kasten habe, versuche ich doch wieder, mich gezielt zu verirren.

Meistens prüfe ich auch gar nicht, ob das Foto gut geworden ist, mache aber mehrere Bilder aus unterschiedlichen Perspektiven. Nur wenn ich am Ort sehe, da ist etwas ganz Besonderes, überprüfe ich auch die Ergebnisse auf dem Display, um sicherzugehen. Manchmal kehre ich auch an den Ort zurück, um es nahezu perfekt zu machen. Aber ohne „Fehler“ ist es dann zwar meistens perfekt aber nicht mehr gut. Es berührt auf einmal nicht mehr.

Neben „Urban Nature“ gibt es bei Ihnen auch Serien wie „Urban Spaces“ oder „Urban Light“– was ist dieses „Urban“ – diese Urbanität – für Sie?

Das rasante Wachsen und der damit verbundene Wandel der Städte in vielen Teilen der Welt ist eines der bestimmenden Kennzeichen unserer Zeit. Andererseits ist da aber auch das Schrumpfen von Städten, wie wir es ja  auch hier im Ruhrgebiet erleben. Das Urbane wird damit zu einem Spiegelbild des Menschen selbst. Das Urbane ist Teil der Identität des Menschen, er formt es nach seinen Vorstellungen und Bedürfnissen. Das Festhalten von Urbanität in Bildern drückt Gefühle, Empfindungen und Erinnerungen aus und löst sie auch beim Betrachter aus. Beide können darüber reflektieren und sich „ein Bild machen“ und zu Orientierungen kommen. Darum geht es.
 
Aus der Reihe Urban Lights: Cooling Tower © Wolfgang van Triel

Sie haben in den 70er und 80er Jahren Sozialarbeit und Psychologie studiert. Was war für Sie der Auslöser, irgendwann auf den Auslöser zu drücken?

Ich habe schon früh versucht, kreative Sachen auszuprobieren, immer begleitend zu meinem Beruf. Ab Mitte der 1990er Jahre mit Malerei – über zehn Jahre lang. Später fielen mir die abgerissenen Werbeplakate im Stadtbild auf. Die Dècollagen der Affichisten aus Paris und Rom hatten mich früher schon interessiert. Ich habe Dècollagen auch in der Malerei verwendet. Anfang 2010 habe ich mit einer einfachen Kamera, ich glaube es war eine Minolta, angefangen, diese abgerissenen Werbeplakate festzuhalten. Dann habe ich den urbanen Teil in den Fotos immer weiter ausgebreitet und angefangen, mir weiter Themen zu suchen. Die gute und sich schnell ausbreitende Resonanz war für mich eine überraschende und schöne Bestätigung. Bis eben hin zu der Einladung zur Ausstellung GREEN CITY hier in der LUDWIGGALERIE.

Zu manchen ihrer Fotos schreiben Sie Gedichte. Sind Bilder poetisch?

Für mich ist das Poetische im Foto sogar das Bestimmende. Ich will keine primär dokumentarischen Fotos machen. Sie sollen eine Empfindung auslösen, für die der Betrachter zuerst noch keine Sprache hat. Poesie ist ja eine Sprache jenseits der Alltagssprache und vorwiegend über die Intuition zu erfahren. Die Fotos werden auch nicht verfremdet, um ihnen einen poetischen Charakter zu verleihen. Die Poesie liegt im Wirklichen, im Alltäglichen der Städte. Wenn nur ein paar Fotos im Jahr diese Qualität für den Betrachter und für mich haben, bin ich glücklich und zufrieden.


Gibt es auch Poesie in den Bildern, die Sie bei GREEN CITY zeigen?

Normalerweise sollte man seine eigenen Fotos nicht interpretieren aber an einem Foto in der Ausstellung GREEN CITY könnte ich diese poetische Qualität als Beispiel erklären.
Das Foto „Landscape Garden I“ wird von den meisten Betrachtern mit Einsamkeit assoziiert. Manche sagen auch, dass sie die Einsamkeit hier als absolut empfinden. Man sieht die weite Leere und den einsamen Baum fast mittendrin. Das würde ich als den sinnbildlichen Charakter des Fotos sehen. Vielleicht hat das Foto aber auch etwas Tröstliches. Viele suchen ja die Einsamkeit in der Natur, um Ruhe und wieder zu sich selbst zu finden. Aber worin besteht das Tröstliche? Vielleicht in der besonderen malerischen Farbigkeit des kleinen Birkenhains im Hintergrund. Das könnte der poetische Anteil im Foto sein.

Landscape Garden I © Wolfgang van Triel

Fotografie. Analog oder digital?

Das ist für mich keine Glaubensfrage. Jeder sucht sich das Equipment, das er braucht und mit dem er gut umgehen kann. Digital ist für mich gut. Ich kann auf einer Tour so viele Fotos machen, wie ich will. Und ich kann sie nachträglich bearbeiten. Wahrheit ist heute kein Kriterium mehr für Fotografie. Übrigens auch nicht für dokumentarisch arbeitende Fotografen. Obwohl ich das für grenzwertig halte, weil Dokumentationen ja oft mit Wahrheit gleichgesetzt werden oder mit diesem Anspruch auftreten.
Aber durch die Vielfalt insgesamt, unter anderem bei den fotografischen Positionen, erhält ja auch die Ausstellung GREEN CITY den besondern Reiz.

Wolfgang van Triel stellt mit 39 anderen Künstlerinnen und Künstlern auch in unserer kommenden Ausstellung KUNSTSTOFFE 
Der Arbeitskreis Oberhausener Künstler zu Gast in der LUDWIGGALERIE (30. August bist 29. November 2015) aus.
Wer mehr über den Wolfgang van Triel erfahren möchte, kann sich hier durch sein Portfolio klicken.

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