Donnerstag, 13. August 2015

„Ich möchte eine kritische Betrachtung schaffen“


Künstlerinterview mit Axel Braun 

von Sarah Bauer

Der junge Künstler mit den blonden Haaren und dem sanften Lächeln blickt in das Glas mit dem stillen Wasser vor sich auf dem Tisch. Dann erzählt Axel Braun von der Kompromisslosigkeit in der Kunst und unbequemen Recherchen. Von seiner Begeisterung für Werke, die nur wenige begeistern. Und davon, dass ihn auch 30 abgelehnte Bewerbungen nicht dazu bringen konnten, Grafikdesigner zu werden.

Axel Braun vor seiner Arbeit "Well done, Richard!" © LUDWIGGALERIE

In unserer aktuellen Ausstellung GREEN CITY beschäftigst du dich ausführlich mit Richard Serra. Was hat dich an ihm fasziniert?

Für mich ist er ein Romantiker der Schwerindustrie. Sein Dilemma ist, dass es oft einen Widerspruch gibt zwischen seiner Vorstellung, was das Beste für eine Region ist, und den Vorstellungen der Leute, die in der Region leben. Seine Kunstwerke haben deshalb schon überall auf der Welt Kontroversen ausgelöst. Er musste immer einstecken und kämpfen für seine Kunst. Das fasziniert mich. Ich habe Respekt vor ihm, weil er als Künstler keine Kompromisse macht. Ja, ich bin definitiv ein Fan und Bewunderer der Arbeiten von Serra.

Bochum war weltweit die erste Stadt, die 1979 eine Serra-Skulptur mitten im öffentlichen Raum aufgestellt hat. „Terminal“ hat damals polarisiert und wütend gemacht. Wie stehst du persönlich zu „Terminal“, als jemand der erst nach der Kontroverse geboren wurde und sich jetzt so intensiv damit beschäftigt hat?

Gleich mal vorweg: Ich habe für die negative Kritik kein Verständnis! Aber ich weiß, woher sie damals rührte und sie hat mich während meiner Recherchen nicht überrascht. Ich finde die Einfachheit und Kompromisslosigkeit bei „Terminal“ beeindruckend. Obwohl das Werk ja eigentlich für die Documenta in Kassel geschaffen wurde und es ein Widerspruch ist, es dann einfach an einen anderen Ort zu versetzen, finde ich es in Bochum letztlich gut platziert. Als ich vor Ort war, um Fotos für meine Recherche zu machen, habe ich aber auch gemerkt, dass die Bevölkerung nicht radikal anders über „Terminal“ denkt als damals. Ich habe immer noch abfällig Kommentare gehört wie „Sowatt brauchen wa wirklich nicht!“

Axel Braun (l.) beim Aufbau von GREEN CITY mit dem Hubsteiger an der Fassade © LUDWIGGALERIE

In der zweiten Etage ist ein weiteres Werk von dir zu sehen: eine Fotodokumentation über die Emscher. Weshalb ausgerechnet die Emscher?

Ich fand den Fluss spannend, er prägt das Bewusstsein der Region. Ich wollte mich schon immer künstlerisch mit den Folgeschäden von Bergbau und Industrie befassen. Man muss sich vorstellen, dass vor hundert Jahren einfach der Zweck die Mittel geheiligt hat – die Emscher war sozusagen ein Kollateralschaden des Bergbaus. Der Fluss ist um zwanzig bis dreißig Meter abgesunken. Es gab Verschmutzungen und Seuchen, dann wurde durch die Kanalisierung eine technische Anlage geschaffen und heute versucht man wieder, zumindest an der Oberfläche die Illusion eines natürlichen Fließgewässers zu schaffen.

Du recherchierst für deine Projekte oft gründlich und lang, unternimmst dafür sogar Reisen ins Ausland – wirst du manchmal auch ungeduldig?

Die Recherchezeit ist für mich nicht schlimm. Im Gegenteil, sie ist Kern meiner Arbeit und deshalb sehr wichtig für mich. Es passiert eigentlich nicht mehr, dass ich einfach losgehe und mich überraschen lasse. Allerdings ist es nicht so super, wenn man sich in existierendes Material einarbeiten muss und dann bei der Recherche behindert wird. Ich bin da leider schon öfter an ein paar Stellen vor die Wand gelaufen. Zum Beispiel wollte ich einmal in einem Archiv Fotos sichten und dann wurde mir gesagt: „Nee, das kannst du jetzt nicht machen.“ Im Endeffekt musste ich dann tatsächlich drei Jahre lang warten, bis alles geklappt hat. Da bin ich dann ziemlich ungeduldig geworden. Ansonsten hätte ich manchmal sogar gern noch mehr Zeit für meine Arbeiten. Aber dann gibt es ja auch Deadlines wie Ausstellungstermine oder das Ende eines Stipendiums.

Der Künstler arbeitet oft mit Büchern, in denen er seine Nachforschungen vertiefend ausdrückt © LUDWIGGALERIE

ür deine Arbeit „Wasserkraft“, im Rahmen des RWE-Stipendiums, hast du vieles hinterfragt und in neue Kontexte gerückt. Bist du ein kritischer Mensch?

Wahrscheinlich schon. Nicht in dem Sinne, dass ich alles direkt negativ sehe, aber ich hinterfrage grundsätzlich immer alles. So kann ich versuchen, zu verstehen, weshalb sich manche Kontroversen entwickelt haben. Ich möchte den Leuten mit meinen Arbeiten auch nicht vorgeben, dass dies oder jenes schlecht ist. Ich möchte viel mehr eine kritische Betrachtung schaffen.

Du wolltest mal etwas „Anständiges“ lernen wie Grafikdesigner. Ist Kunst unanständig?

Kunst ist nicht unanständig … obwohl … ich habe letztens irgendwann mal was von Erwin Wurm in der ZEIT gelesen. Da ging es darum, dass sein Vater Polizist war und meinte, wenn sein Sohn Künstler werden würde, würde er ja quasi schon mit einem Fuß im Verbrechen stehen (lacht). Mir war am Anfang meines Studiums schon bewusst, dass es große Risiken gibt. Auch was das geregelte Einkommen angeht. Das mit dem Grafikdesigner war auch gar nicht meine Idee gewesen. Der Vorschlag kam von einem Berufsberater in der Schule. Aber einmal musste ich ein eigenes Logo aus meinen Initialen designen und fand das schrecklich! Eine Grafikagentur wäre es einfach nicht gewesen. Und dann hat sich alles verselbstständigt. Inzwischen arbeite ich viel über Stipendien. Das war am Anfang auch nicht immer leicht aber nach dreißig Misserfolgen hat es dann angefangen, zu funktionieren.

Axel Braun wurde 1983 in Düsseldorf geboren. Von 2003 bis 2009 studierte er Fotografie an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Daran schloss er von 2007 bis 2010 ein Studium der Fine Arts an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts de Paris an. Seine Arbeiten sind stark von intensiver Recherche und wissenschaftlichen Ansätzen geprägt. Er drückt sich hauptsächlich in Installationen, Fotografie und Kunstbüchern aus.

Bei GREEN CITY in der LUDWIGGALERIE ist er zurzeit vertreten mit „Well done, Richard“ (2010/2015) – einer Recherche zur Rezeption der Skulpturen Richards Serras im Ruhrgebiet. Eine weitere Arbeit ist „Und wer in diesen Bannkreis tritt, wird vom Geist der neuen Zeit ergriffen“ (2014. Dort befasst er sich mit Fotos und einem Künstlerbuch mit der Renaturierung der Emscher.


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