Donnerstag, 27. August 2015

Sie haben keine Pflichten und keine Rechte!

Der Kompostaat – völlige Autorität bei steter Verunsicherung

von Sarah Bauer

Er sitzt hinter seinem klobigen Schreibtisch aus dunklem Holz, die halblangen Haare leicht wirr. Es scheint, als würde er mit einem Mundwinkel lächeln und mit dem anderen ernst bleiben. Johannes Jensen befindet sich in der Botschaft seines eigenen Staates – des Kompostaates. Und die Botschaft befindet sich zurzeit in der LUDWIGGALERIE. Als Teil der Ausstellung GREEN CITY.

Künstler Johannes Jensen beim Ausstellen neuer Ausweise © LUDWIGGALERIE


Ein Globus, daneben die Schreibmaschine und Stempel. Ein bisschen sieht es aus wie in einem ganz normalen Büro. Doch dann fällt der Blick auf die Gasmaske, das Gewehr und die Rakete. Der Kompostaat soll verwirren und schafft genau diese provozierte Verunsicherung beim Betrachter. Das Portrait des Künstlers, mittig hinter dem Pult, erinnert verdächtig an Mao. Johannes Jensen inszeniert sich selbst – als Staatsoberhaupt, Grenzbeamter, Außenminister und Diplomat in einer Person.


Ökologisches Denken mit Machtanspruch

„Sie haben keine Pflichten“, erklärt Jensen ein paar neugierigen Besuchern, die soeben vom Künstler höchstpersönlich in den Staat eingebürgert wurden und ihre gelben Ausweise mit der noch nicht ganz getrockneten Stempelfarbe hin- und herwenden. Jensen wartet kurz das erfreute Lächeln auf ihren Gesichtern ab. „Und keine Rechte!“, fügt er dann hinzu. Dabei bleibt er todernst. Keiner weiß so richtig, wie denn das alles nun gemein ist.

Soll man nun lachen oder lieber nicht? © LUDWIGGALERIE

Der Kompostaat lebt von dieser Verwirrung. Vom Mix aus Witz und Hintergründigkeit. Der Betrachter erkennt zugleich Spießbürgertum und Machtgebaren. Das erzeugt ein Schmunzeln oder auch Ablehnung. In der Symbolik der Staatsflagge spiegeln sich die Grundpfeiler des Staates wider: Ein Hahn auf einem Komposthaufen in gelbem Kreis. Stern, Ähren und Maschinengewehr auf rotem Grund. Nachhaltigkeit und Autorität gehen Hand in Hand.


Kompostaatsbürger werden

Ab und zu, wenn die Zeit es zulässt, ist der in Stuttgart und Köln lebende Johannes Jensen selbst in der Ausstellung anzutreffen. Dann sitzt er in stoischer Ruhe auf seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch und stellt Ausweise für Besucher aus. Jedes Papier hat eine eigene Kennziffer und wird original vom Künstler unterschrieben. „Es darf keine einzige laufende Nummer übersprungen werden“, sagt Jensen, während er den Stempel zurück in die Halterung stellt.
„Jawohl!“, möchte man stramm erwidern und zugleich grinsen, während einen ein ungutes Gefühl beschleicht.

Die Botschaft des Kompostaats bei GREEN CITY © LUDWIGGALERIE

Johannes Jensen wurde 1981 in Hamburg geboren. Von 2004 bis 2010 studierte er Freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf. 2009 war er Meisterschüler bei Georg Herold. Jensen war bereits bei zahlreichen Ausstellungen vertreten. Er erhielt mehrere Preise und
Auszeichnungen, unter anderem das Atelierstipendium des Kultur Bahnhof Eller.

Zu sehen war der Kompostaat 2011 auf dem Marktplatz von Mönchengladbach-Rheydt. Das dort durch einen Bauzaun von der Bundesrepublik Deutschland abgegrenzte Gebiet zeigt Kleingarten-Idylle verbunden mit anarchistischen Machtinszenierungen. Der Kompostaat hat inzwischen über 400 Mitglieder.

Leider ist es dem Künstler aus zeitlichen Gründen nicht mehr möglich, bis zum Ende der Ausstellung GREEN CITY am 13. September an einem Tag vor Ort zu sein. Seine Botschaft kann selbstverständlich trotzdem besichtigt werden und ist immer einen verstörenden Besuch wert!

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