Mittwoch, 19. August 2015

Wucherndes Grün mit Happy End


Silke Brösskamp im Künstlerinterview

von Sarah Bauer

Licht trifft auf die schimmernde kupferfarbene Folie am Pappkarton. Eichenlaub wuchert rund um das Gebilde. Silke Brösskamps Werk für GREEN CITY duckt sich in die Ecke des Raums und zieht doch sofort alle Blicke auf sich. Wir haben mit der Künstlerin über viel Grün, wenig Platz und variables Laub gesprochen.

Silke Brösskamp (r.) mit Herrn W. und Kuratorin Nina Dunkmann beim Aufbau von "Happy End" © LUDWIGGALERIE


Du hast dich entschlossen, deine für GREEN CITY bereits geplante Arbeit „Tarnung“ nach der Besichtigung vor Ort noch einmal stark zu verändern. Warum?

Ich fange mal vorne an: Die Papierarbeit „Tarnung“ hatte ich erst mal nicht als autarke Arbeit – wie sie jetzt in GREEN CITY zu sehen ist – konzipiert. Ganz am Anfang der Idee stand ich mit der Eichenblattskizze in einem Raum gegenüber von Heizkörpern. Die waren in ihrer Erscheinungsform sehr dominant. Daraus entstand dann der Einfall für „Tarnung“.

In der LUDWIGGALERIE gab es keine Heizungen. Im Grunde ja ideal. Nur eben nicht für diese Arbeit. Vor einem musealen Hintergrund ist der Titel „Tarnung“ natürlich auch eine Farce. Wegen der Wandfarbe wäre Camouflage hier nur mit weißen Blättern möglich. Nach mehreren Skizzen, die mich erst nicht überzeugt haben, habe ich mich mal richtig auf das Ausstellungsthema GREEN CITY besonnen. Zur gleichen Zeit las ich zufällig einen Artikel über die Probleme zeitgenössischer Stadtplanung, wie Ökologisierung, soziales Wohnen und Kommerzialisierung. Dieses Thema war Anlass für das zum Schluss entstandene Objekt „Happy End“ – als Teil der Serie „Tarnung“.

Tarnung, 2004 © Ivo Faber

Du hast die Blätter entworfen, sie einzeln händisch ausgeschnitten, den Karton mit glänzender Folie beklebt, … Wie lange hast du insgesamt an „Happy End“ gearbeitet?

Das würde ich ganz gern für mich behalten. Nichts ist schlimmer, als ein Objekt mit Fleißarbeit in Verbindung zu bringen. Ich hatte allerdings Glück, dass ich viele helfende Hände hatte (grinst).

Du hast die einzelnen Blätter erst in der Umbauwoche bei uns vor Ort miteinander verflochten. Hast du ihre Anordnung vorher genau geplant oder spontan entschieden?

Meine Objekte entstehen immer in dem Zusammenspiel von Planung, Zufall und Offenheit. Im Atelier baue ich eins zu eins Modelle und experimentiere dann. Zum Beispiel probiere ich aus, wie viele Blätter ich in diesem Fall für das Objekt „Happy End“ brauche, um der Atmosphäre, die ich im Kopf habe, näher zu kommen. Vor Ort ist dann einiges immer anders: der Raum selbst, seine Atmosphäre und Form, künstlerische Arbeiten in der Nachbarschaft und so weiter. All das hat Einfluss auf meine Herangehensweise, auch vor Ort.

Vieles entscheidet sich auch erst vor Ort © LUDWIGGALERIE

Werke aus deiner Serie „Tarnung“ waren schon öfter zu sehen. Zum Beispiel 2005 im Bahnhof Eller. Sie sehen allerdings immer anders aus. Wieso ist „Tarnung“ so variabel?

Letztlich ist die „Tarnung“ nur variabel hinsichtlich Anordnung und Größe. Bestimmte architektonische Voraussetzungen müssen ja schon gegeben sein. Das Objekt für Oberhausen hat für mich zum Beispiel mit der Arbeit im Bahnhof Eller nichts mehr gemein, außer dem „Eichenblattrequisit“.

Wucherndes Grün, schwarze Schatten, giftige rosa Blüten, die bedrohlich durch ein Fenster quellen. Darf Kunst auch einschüchtern?

Wenn man fragt, ob Kunst etwas darf, dann klingt das für mich so, als würde man Kunst reglementieren wollen. Das halte ich aber für unangebracht.
Wobei man in jedem einzelnen Fall überprüfen sollte, welche Relevanz die Arbeit hat. Wir hatten in der Akademiezeit mal eine Diskussion. Einer Studentin wurde nicht erlaubt, ihre Skulptur auf einer Grünfläche zu positionieren, da diese dadurch zerstört werden würde. Sie hat sich sehr über diesen Eingriff in ihre Arbeit geärgert. Katharina Fritsch sagte daraufhin: „Wenn sie mit Ihrer Arbeit etwas zerstören, stimmt etwas mit ihrer Arbeit nicht“. Der Aspekt daran, dass auch Künstler in ihrer Arbeit Verantwortung tragen, finde ich bis heute sehr wichtig. Einschüchterung bedeutet das Ausnützen einer Machtposition. Mit dieser, nicht künstlerisch übersetzten, Art von Macht möchte ich nichts zu tun haben.

more of these days, 2014 © Silke Brösskamp

Was empfindest du, wenn du abschließend siehst, wie deine Werke einen ganzen Raum eingenommen, „bewachsen“ und verändert haben?

Der Moment, wenn eine Installation aufgebaut ist und ich zurücktreten kann, um mir sie „neu“ zu betrachten, ist immer wieder interessant! Ich schaue dann, ob die Arbeit in, mit oder gegen den Raum wirkt. Wenn die Installation mich selbst überrascht und meine physische Reaktion auf die Raumarbeit stark ist, ist es ein euphorischer Moment!

Monumentalisierung spielt in deinem Schaffen eine große Rolle.  Wie wichtig sind dir die kleinen Dinge im Leben?

Künstlerisch betrachtet sind neben meinen raumgreifenden Installationen und Objekten auch DIN A4 Zeichnungen entstanden oder hier und da kleinere Objekte. Ansonsten schätze ich kleine Dinge wie Dominoeis und Diamanten. (lacht)

Silke Brösskamp wurde 1965 in Münster geboren. Ab 1992 studierte sie Visuelle Kommunikation in Münster. 1997 erhielt sie ihr Diplom. Ab 1997 begann sie ein Studium an der Kunstakademie Münster bei Reiner Ruthenbeck, ab 2000 bei Katharina Fritsch. 2002 war sie Meisterschülerin bei ihr. Silke Brösskamps Fokus liegt auf der Verschiebung und Stilisierung von Gegenständen, Motiven und Bildern. Außerdem machen Wiederholung und Monumentalisierung sowie Feinstruktur und Präzision ihre Arbeiten aus. Fast allen Werken liegen Zeichnung und Muster zugrunde.

In der Ausstellung GREEN CITY der LUDWIGGALERIE ist sie mit "Happy End" vertreten. Hier geht es zu ihrer Homepage: www.silkebroesskamp.de.


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