Donnerstag, 3. September 2015

Von Spargel, Weinschläuchen und verbrannter Erde


Künstler plaudern beim Aufbau der Ausstellung KUNSTSTOFFE

von Sara Schurmann
 
Was bei anderen im Kochtopf landet, wird bei ihr zu Kunst – mal ist es Rotkohl, dann Kürbis. Aus Spargel ist ihr aktuelles Kunstwerk, welches Simone Kamm gerade für die Gruppenausstellung KUNSTSTOFFE des Arbeitskreises Oberhausener Künstler in der LUDWIGGALERIE aufbaut. Fünf Jurymitglieder haben 40 Positionen ausgewählt, die nun alle im kleinen Schloss aufgehängt, hingestellt oder installiert werden sollen.

Simone Kamm beim Aufbau ihrer Lichtinstallation "Erwach(S)en" © LUDWIGGALERIE

Der Mensch und die Natur

Mit Heißklebepistole bewaffnet macht Simone Kamm sich an die Arbeit und fügt Papier zu Papier, bis die raumeinnehmende Lichtinstallation „Erwach(S)en“ langsam ihre Form annimmt. Das selbstgeschöpfte Papier besteht aus rund 50 Kilogramm Spargel-Schalen, die die Oberhausener Künstlerin gekocht, püriert und schließlich ohne Sieb geschöpft hat. „Ein Sieb würde mich in meiner Arbeit nur einengen“, erklärt Kamm selbst.
Simone Kamm kam auf Umwegen zur Kunst, war zunächst Unternehmensberaterin und wurde erst durch Knieoperationen im wahrsten Sinne des Wortes ausgebremst. „Da habe ich mich gefragt: Was willst du wirklich?“ Sie nahm allen Mut zusammen und verwirklichte ihren Traum, in dem sie sich ganz der Kunst widmete.

Jetzt stellt sie im kleinen Schloss gleich zwei Installationen auf: „Erwach(S)en“ steht mitten im Raum, ragt bis zur Decke und verströmt unter all dem Papier ein warmes Licht. Auf sinnlich-emotionaler Ebene möchte Kamm erfahrbar machen, wie wichtig die Natur ist. „Bei meiner Arbeit geht es ganz klar um Nachhaltigkeit, aber ich möchte nicht anprangern“, betont sie. Vielmehr solle die Installation an die Industriebrachen des Ruhrgebiets erinnern – der Mensch nimmt die Natur ein, zerstört sie und lässt sie anschließend zurück. 
Wie die Natur den Raum zurückerobert und sie mit Relikten menschlicher Nutzung, wie Eisen- oder Glasscherben, ganz neu erscheinen lässt, soll die Installation zeigen. Ein paar Meter weiter hängen bereits unzählige Quadrate, durch die das Sonnenlicht scheint. „Facetten – das künstlich geprägte Ich“ ist Kamms zweite Installation in der Ausstellung und besteht ebenfalls aus handgeschöpftem Papier aus Spargel. „Es sind die Facetten meiner eigenen Persönlichkeit, die ich hier zeige“, erklärt die Künstlerin. Jedes Quadrat ist unterschiedlich – mal sind Verpackungsreste eingearbeitet, mal zeigen sie Löcher auf. Und doch wirken sie im Gesamtbild einheitlich.

Der Duft von Wein

Während die meisten anderen Bilder schon hängen, baut auch Cornelia Schweinoch-Kröning ihre Installation im kleinen Schloss der LUDWIGGALERIE auf. Und das ist gar nicht so einfach, denn einzelne Stücke ihres Gesamtwerkes brauchen noch etwas Luft, bevor sie endgültig aufgehängt werden. „Man muss bloß aufpassen, dass man nicht gleich einen Schwips bekommt“, lacht die Künstlerin. Denn die luftballonartigen Gebilde waren im früheren Leben einmal Weinschläuche. „Da dachte ich mir, dass man so was Tolles doch nicht einfach wegschmeißen kann“, erzählt Schweinoch-Kröning. 

Im Einsatz: Cornelia Schweinoch-Kröning begutachtet ihr Werk "Die neuen Ausbrecher II" ©

Weil sie sich hauptsächlich als Zeichnerin sieht und für den Botanischen Garten in Duisburg ihre Kunst auf dem Blatt Papier in neuer Form präsentieren wollte, setzte sie ihre Zeichnungen kurzerhand auf die aufgeblasenen Schläuche. Augen und Fischvögel, in Anlehnung an Max Ernst, wechseln sich als Motive jetzt auch an der Decke der LUDWIGGALERIE ab und werden zu „Neuen Ausbrechern“.

Drastische Motive

„Schrei nach Leben, Krieg, Täter, IS“ – mit Schlagwörtern wie diesen gibt Regine Hattwig Impulse für diejenigen, die sich nicht so sehr mit den aktuellen Vorkommnissen in Syrien oder eben in der syrischen Stadt „Kobanê“ – genau so heißt ihre Installation – beschäftigen. Dabei wirkt das Werk allein durch seine drastischen Motive: Auf verbrannter Erde liegen quadratische Schiefertafeln und Puppenköpfe – „Ganz schön schwierig, Puppen ohne blaue Augen zu finden“, so Hattwig –, an der Wand hängen wild bemalte rot-braune Papptabletts und eine zerstörte Puppe in einem Sarg. Es zeigt sich ein Bild der Verwüstung und vermittelt eine bedrückende Atmosphäre. 

Die Installation "Kobanê" © LUDWIGGALERIE

„Ich merke, dass ich langsam wieder zurück zu meinen Ursprüngen finde“, erzählt Hattwig über die politischen Themen in ihren Werken. Denn auch ihr zweites Werk in der LUDWIGGALERIE „Odyssee“ beschäftigt sich mit der hochaktuellen Problematik rund um Flüchtlinge. Puppen über Puppen mit abgerissenen Haaren liegen mit dem Gesicht zum Boden gewandt in einer offenen Kiste, kaputte Schalen auf einer blauen Steele stellen die Verbindung zu der gefährlichen Flucht über Wasser her. Sie will mit wenigen, schon vorhandenen, Materialien etwas Neues schaffen und nimmt dabei aktuelle Themen auf.

Die Ausstellung KUNSTSTOFFE

Neben den Installationen dieser drei Künstler gibt es aber natürlich auch zahlreiche andere Werke von Oberhausener Künstlern in der Ausstellung KUNSTSTOFFE, die vom 30. August 2015 bis zum 29. November 2015 noch im kleinen Schloss der LUDWIGGALERIE zu sehen ist.

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