Mittwoch, 9. September 2015

„Wat is‘ dat denn?“


Parks, Landesgartenschau und die „One Man Sauna“ im FREIRAUMgespräch

von Sara Schurmann

Architektin Yasemin Utku klappt den Laptop auf und blickt verheißungsvoll in den gut gefüllten Raum. Jetzt geht es um den Strukturwandel – immer wieder ein großes Thema im Ruhrgebiet. Dies zeigt nicht zuletzt auch die aktuelle Ausstellung GREEN CITY in der LUDWIGGALERIE. Um über die aktuelle Gestaltung und Veränderung von regionalen Ballungsräumen zu sprechen, trafen sich Interessierte nun zum FREIRAUMgespräch des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten im Kleinen Schloss.

Viele interessierte Zuhörer beim FREIRAUMgespräch © LUDWIGGALERIE



Verstaubt oder verlockend?

Sie sind eine Erfindung des Ruhrgebiets – Revierparks entstanden in der Freizeit-Euphorie der 1960er Jahre. „Heute wirken sie jedoch oft ein bisschen wie aus der Zeit gefallen“, erzählt Stadtplanerin und Architektin Yasemin Utku. Doch was sind eigentlich Revierparks und wie können sie heute wieder in neuem Glanz erscheinen? Mit solchen Fragen hat sich Utku beschäftigt, die einzelnen Revierparks – immerhin fünf an der Zahl – genau angeschaut und kann nun die Ergebnisse präsentieren. 

„Die Revierparks waren in ein größeres Freizeitkonzept eingebettet und stellten das Bindeglied zu Randstrukturen dar“, so Utku. Zwischen 1970 und 1979 entstanden Revierparks von Gysenberg bis Mattlerbusch auf landschaftsgebundenen Flächen mit kostenlosen und gewerblichen Freizeitangeboten. „Heute ist es ganz unterschiedlich, wie mit ihnen umgegangen wird“, weiß die Architektin. In einem steht das Freizeithaus seit Jahren leer, in einem anderen läuft es noch super. Aber auch der Strukturwandel ist nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen: Solebäder, Discgolfs und viel mehr sollen die Revierparks in Zukunft aufwerten. 

Yasemin Utku berichtet über die Revierparks © LUDWIGGALERIE
 
Die Schau rund um Blumen

Um eine Aufwertung des Ruhrgebiets geht es auch bei dem nächsten Vortrag. Martin Oldengott, selbst ein „Bochumer Jung‘“, ist Leiter der Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung von Castrop-Rauxel und setzt sich für die Bewerbung um die Landesgartenschau 2020 ein. „Ist jemand hier aus Kamp-Lintfort?“, fragt er lachend. Denn neben der Emscher-Region mit Castrop-Rauxel, Herne, Herten, und Recklinghausen bewerben sich auch Kamp-Lintfort und Bad Honnef um die Schau rund um Blumen und Co. Dabei geht es Oldengott nicht nur um Pflanzen: „Wir wollen nach dreißig Jahren den Emscher-Umbau feierlich auf dieser Plattform abschließen.“

Ein "Bochumer Jung": Martin Oldengott © LUDWIGGALERIE

Die „One Man Sauna“

„Wir haben uns um ein kleines Projekt mit großen Themen beschäftigt“, beginnt schließlich der letzte Referent Jan Kampshoff seinen Vortrag. Er ist Gründer von „modulorbeat“, ein Netzwerk von Architekten, Urbanisten und Designern, die oft temporäre Projekte entwickeln. So wie die „One Man Sauna“ von Bochum. Ihr Auftrag lautete: Setzt euch mit Bochum auseinander. Also fuhren sie mit Rädern an der rund 68 Kilometer langen Stadtgrenze entlang und fanden stillgelegte Plätze, die die Natur langsam zurückgewinnt. „Für uns aus Münster ist so etwas ganz spannend“, sagt Kampshoff mit einem Augenzwinkern. „Es entsteht eine Art von Ästhetik durch Nichtaktivität.“ 

Als zum gleichen Zeitpunkt auch noch Opel geschlossen wird, steht die Frage rund um Arbeit und Nichtstun noch präsenter als zuvor im Raum. So entwickelte „modulorbeat“ zum Bochumer Detroit Festival aus Betonfertigteilen eine vertikale Sauna mit Abkühl-Becken, Sauna-Box und Ruheraum – aber eben nur für eine Person, die über eine Leiter zu den verschiedenen Bereichen klettern musste. Mitten in einer Brache stand für ein halbes Jahr diese Art Schacht und ließ Vorbeikommende verwundert fragen: „Wat is‘ dat denn?“ Kampshoff selbst sagt über das Projekt: „Wir wollten mit einer kleinen Geste einen Perspektivwechsel erreichen.“          

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