Donnerstag, 12. November 2015

GRINSLUSTIG

Joscha Sauer über Unfälle, die erste eigene Website und „Zurück in die Zukunft“

von Sarah Bauer

Gemurmel im Raum, dann schnelle Schritte. Joscha Sauer kommt mit einem Grinsen im Gesicht in den Raum. Ein bisschen zu spät. „Aber am wenigsten zu spät von allen Malen, wo ich mich schon mit Christine Vogt getroffen habe“, merkt er an und das Publikum lacht. Christine Vogt ist die Direktorin der LUDWIGGALERIE und leitet an diesem Abend das Interview mit dem NICHTLUSTIG-Zeichner im Schloss Oberhausen. Sie hat ihn gemeinsam mit Ralph Ruthe und Flix (Felix Görmann) zur Ausstellung „Das ist doch keine Kunst“ überredet. Ja, überredet!

Da grinst er, der Joscha © LUDWIGGALERIE
 
„Das stimmt, Ralph und Felix haben mich erst mal davon überzeugen müssen, dass wir diese gemeinsame Ausstellung machen“, gibt Sauer zu. Leger in blauem Pulli, Jeans und Turnschuhen sitzt er vorne am Tisch und kratzt sich an seinem 7-Tage-Bart. Rund 60 Besucherinnen und Besucher sind neugierig auf das, was der Zeichner zu berichten hat. Ein kleiner Junge hat sogar einen von Sauers Plüsch-Yetis dabei.

Zeichnerkarriere war „Unfall“

„Ich hatte sehr früh diese verschwurbelte romantische Vorstellung vom Comiczeichnen. Mein Vater hat mich sehr gefördert und ist zum Beispiel mit mir zu Comic-Messen gefahren und hat Kontakte zu Zeichnern hergestellt.“ Sauer trinkt kurz einen Schluck Wasser und lehnt sich dann ruhig zurück. Wie er dann schließlich selbst zum Zeichner wurde? „Ich nenne es immer gern Der Unfall“, erklärt er und die Zuschauer lachen auf. „Ich war zwar als Kind davon überzeugt, habe dann aber mitbekommen, wie schwer das ist, da beruflich Fuß zu fassen.“

Nach dem Zivildienst wusste Sauer dann nicht, was er machen sollte und bastelte zunächst ein paar medizinische Filme für eine Webseite. „Das war nix. Aber ich habe gemerkt, wie einfach es ist, eine eigene Website zu bauen.“ Von da an startete er eine eigene Präsenz im Internet und stellte sich zur Aufgabe, jeden Tag einen neuen Cartoon hochzuladen.

Das Publikum lauscht gebannt und stellt später noch viele eigene Fragen © LUDWIGGALERIE

Nicht zwingend lustig sein

Und wieso NICHTLUSTIG? „Weil es einfach noch frei war“, sagt Sauer frisch von der Leber weg und grinst wieder. Er wirkt gelassen und zugleich gewitzt, hat kein Problem damit, immer wieder zu berichten, wie er zu dem kam, was er nun heute ist. „Außerdem wollte ich davon befreit sein, etwas zu machen, was zwingend lustig ist.“

Anfangs hatte Joscha Sauer 50 Besuche pro Tag auf seiner Website. „Die waren alle von mir!“ Er lacht laut und im Publikum wird gekichert. Hinter Sauer an der Wand hängen seine frühen Werke, als Zeichenstil und Humor noch nicht so gefestigt und markant waren wie heute.

Ganz viele Absagen und Glück bei Carlsen

Als er schließlich nach Berlin ging und nacheinander all seine ersten Auftraggeber pleitegingen, hatte der Zeichner zwar kaum Geld, konnte sich jedoch immer auf die Unterstützung seiner Eltern verlassen. „Ich hatte nie Existenzangst. Ich wäre weich gefallen“, gibt er zu. Anderthalb Jahre später lernte er jemanden vom Carlsen-Verlag kennen. „Das war großes Glück“, so Sauer. „Vorher kamen auch ganz viele Absagen.“

Momentan beschäftigt sich Sauer auch zunehmend mit Animation. Die erste Folge der geplanten NICHTLUSTIG-Trickfilmserie hat er über Crowdfunding finanziert. „Früher war ich sehr auf Statisches fixiert. Mit dem Film musste ich lernen, dramaturgisch anders zu erzählen.“ Ob er denn seine Figuren auch selbst spreche? Ein paar schon. Kurz lässt Sauer Herrn Lemming und Herrn Riebmann stimmlich zu Wort kommen. Die Zuschauer johlen. Sauer grinst in seinen Bart.

Das Rätsel um 10:04 Uhr

Es folgen noch einige Fragen aus dem Publikum. Wie entsteht ein Cartoon? „Manchmal rotzt man vor der Umsetzung erst mal alles rein ins Skizzenbuch. Da sind dann auch ganz viele schlechte Ideen bei.“ Was hat es mit 10:04 Uhr auf sich – der Zeit die sich auf all seinen Uhren in den Cartoons findet? „Ist das wegen „Zurück in die Zukunft“?“, fragt ein Zuschauer. Joscha Sauer nickt.
„Yes!“, kommt es begeistert aus dem Publikum.

Joscha Sauer nimmt sich für jeden Besucher mit einer individuellen Zeichnung Zeit © LUDWIGGALERIE
 
Was ist denn nun Kunst?

Zum Schluss bleibt die Frage, was denn nun Kunst ist. „Ich finde das eine sehr langweilige Diskussion“, gibt Sauer unumwunden zu. „Mir ist das ziemlich egal, das liegt immer im Auge des Betrachters, Unterhaltung ist Können und Können ist Kunst. Alles, was nicht jeder kann, ist Kunst.“

Dann verrät er auch noch, dass der Ausstellungstitel „Das ist doch keine Kunst“ nicht gleich die erste Idee von ihm, Flix und Ralph Ruthe gewesen ist. „Wir wollten erst ‚Wir hängen uns auf!‘ nehmen.“ Heiteres Gelächter.

Nach rund eineinviertel  Stunden verschwindet Joscha Sauer kurz – allerdings nur, um dann noch einmal wiederzukommen und bis etwa 23 Uhr zu signieren. Mit einer persönlichen Zeichnung für jeden. Von wegen „wer zu spät kommt, kann auch früher wieder gehen“!

Die Ausstellung „Ruthe Sauer Flix – Das ist doch keine Kunst“ läuft noch bis zum 17. Januar 2016 in der LUDWIGGALERIE. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Mehr Infos zur Ausstellung gibt es auf der Homepage der LUDWIGGALERIE.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen