Mittwoch, 9. Dezember 2015

Der übermalte Heiligenschein

Restaurierte Werke der Sammlung O. erfreuen und verblüffen

von Sarah Bauer

Jesus Christus! Was ist denn da passiert? Ein Loch im Arm, ein übermalter Bart und jede Menge Industriestaub. Die Zeit hat in verschiedensten Formen an der städtischen Sammlung O. genagt. „Das tat mir in der Seele weh“, gibt Christine Vogt, Direktorin der LUDWIGGALERIE, unumwunden zu. Jetzt erstrahlen 30 Werke in neuem Glanz und sind noch bis 17. Januar 2016 in der Ausstellung Die Sammlung O. – Der Kunstbesitz der Stadt Oberhausen – RESTAURIERTE WERKE und Neuerwerbungen in der LUDWIGGALERIE zu sehen. Darunter Bilder von Joan Miró, Otto Dix oder Auguste Renoir. Doch ganz so einfach war das mit dem Restaurieren nicht.

Miró frisch gebadet © LUDWIGGALERIE

 
Verbräunt und fleckig war das Papier von Joan Mirós „Le Hibou Blasphémateur“. Auf dem großen Flachbildfernseher kann man es noch genau sehen. Daneben das schneeweiße und strahlend bunte Original in der modernen Rahmung. Zwei Besucherinnen treten ganz nah heran. Das kann doch nicht dasselbe Bild sein, oder? Verwunderung und Bewunderung wechseln in ihren Blicken. 

Um den Miró zu restaurieren, musste er erst einmal baden gehen. In einem großen Becken mit chemischen Substanzen, die nur die Vergilbung entfernt haben, nicht aber die Farbe. „Das ist ganz faszinierend!“, flüstert eine der Besucherinnen ungläubig.

Bei der Eröffnung der Sammlung O. © LUDWIGGALERIE

Direkt neben dem Eingang zur Ausstellung finden sich vier Bilder mit mannsgroßen Schautafeln. Sie erklären, wie das Loch im Arm der Tochter Schüll verschwand, wie die Risse im Ecce Homo unsichtbar wurden, was das Klima damit zutun hat oder der Industriedreck früherer Jahre, der oft an den Oberflächen der Bilder hängen geblieben ist. Der Vorher-Zustand, die einzelnen Arbeitsschritte – alles ist für die Besucher offen einsehbar und gut nachvollziehbar dokumentiert. Restaurierungen im stillen Kämmerlein? Nicht in der LUDWIGGALERIE.

Genau erklärt: Die Töchter der Familie Schüll während der Restaurierung © LUDWIGGALERIE

Ganz besonderes Interesse weckte im Zuge der Instandsetzung das Bild eines Mannes mit Hut. „Während wir das Werk betrachteten, fiel uns auf: Mensch, da ist doch ein Heiligenschein hinter der Kopfbedeckung!“, erinnert sich Christine Vogt. „Allerdings ist er wohl im Laufe der Zeit übermalt worden.“ Schnell ist klar, dass es sich um ein Tronje handelt – ein für die vor allem niederländische Malerei typisches anonymes Porträt. Jetzt wollten es alle genau wissen: Wurde noch mehr übermalt? Was steckt hinter der Farbschicht?

Also kam der Mann mit Hut, der wohl ehemals ein Christus gewesen ist, ins Radiologische Institut Oberhausen. Zum Röntgen. „Über diese Aktion habe ich mich besonders gefreut, denn Museen haben ja auch die Aufgabe, zu forschen“, berichtet Christine Vogt mit leuchtenden Augen. Entdeckt wurden dann Veränderungen an Bart und Haupthaar wie die Verlängerung einer Locke und ein hochgezwirbelter Schnurrbart.

Untersuchung des Tronjes © LUDWIGGALERIE

Doch all die aufwendigen Bäder, Festigungen, Kittungen und Retuschen haben natürlich auch ihren Preis. Hier kommen 27 Paten aus der Bevölkerung ins Spiel, die sich der Bilder annahmen und großzügig spendeten, um die Instandsetzung zu finanzieren. Rund 19.000 Euro kamen zusammen durch Institutionen, Vereine aber auch Privatspenden. Für das Gemälde „Die Töchter der Familie Schüll“ aus dem 18. Jahrhundert fanden sich sogar heutige Verwandte der damals dargestellten Frauen als Paten.

Die Restaurierungen nahm dann die Gruppe Köln vor. Dort haben die Diplom-Restauratorinnen und Restauratoren Carmen Seuffert, Susanne Erhards sowie Dirk Ferlmann viele Monate an der Wiederherstellung der Werke getüftelt. 

Was genau bei so einer Restaurierung passiert und wo man überhaupt anfängt, wenn man ein beschädigtes Werk bekommt, verraten wir bald mit der Gruppe Köln hier an dieser Stelle auf unserem Museumsblog.

Die Ausstellung Die Sammlung O. – Der Kunstbesitz der Stadt Oberhausen – RESTAURIERTE WERKE und Neuerwerbungen ist noch bis zum 17. Januar 2016 in der Panoramagalerie der LUDWIGGALERIE zu sehen. Der Eintritt ist frei! Geöffnet ist die Schau dienstags bis samstags von 11 bis 18 Uhr.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen