Mittwoch, 10. Februar 2016

Eigentlich wissen wir nichts

Eröffnung des Kunstprojekts SPACE. WIDE. OPEN. mit Geflüchteten

von Sarah Bauer

Drei junge Männer stehen am Strand. Die Sonne scheint, im Hintergrund Wellen und blauer Himmel. Sie lachen. „Meine Brüder“, sagt Mouhsen und reicht das Handy mit dem Foto darauf herum. Die anderen lächeln. Mouhsen nicht. Er schaut beiseite. „Einer ist jetzt tot“, sagt er dann leise und fast beschämt. „Jeden Tag Bomben.“
Mouhsen kommt aus Syrien. Seine Erlebnisse aber auch sein neues hoffnungsvolles Leben in Oberhausen zeigt die LUDWIGGALERIE jetzt zusammen mit zwölf anderen Portraits von Geflüchteten in der Ausstellung SPACE. WIDE. OPEN. (bis 28. Februar 2016). Ein Kunstprojekt nicht über, sondern mit Flüchtlingen.

Viele Besucher vertiefen sich gleich in die Fotowand. © LUDWIGGALERIE


Die geschwungene Wand in der Panoramagalerie ist voller Fotos. Von grünen Parks oder im Dunkeln leuchtenden Einkaufsmeilen – als hätte man sie in Berlin oder Hamburg aufgenommen. Doch sie zeigen Orte in Syrien oder im Irak. Es sind nicht die Bilder von zerbombten Hausruinen, die täglich durch die Medien gehen. Es sind Aufnahmen von Menschen, die einmal einfach dort gelebt haben. So wie Menschen hier einfach in Berlin oder Hamburg leben.

Eine Bilderschlucht im Raum

Mitten im Raum hängen versetzt dreizehn große Schwarz-Weiß-Portraits der Teilnehmer, von Fotograf Axel J. Scherer in Oberhausen in Szene gesetzt. „Das ist visuell wirklich sehr beeindruckend, wenn man hier eintritt“, sagt Dr. Christine Vogt, Direktorin der LUDWIGGALERIE, anerkennend.

SPACE. WIDE. OPEN. - Bilder frei im Raum © LUDWIGGALERIE
 
Daneben iPods mit O-Tönen der Geflüchteten. In erstem Deutsch, in Englisch, Französisch oder Arabisch. Die ersten Besucher drängen sich neugierig um die Kopfhörer. Echte Stimmen. Echte Gesichter. Alle dreizehn Flüchtlinge sind zur Ausstellungseröffnung gekommen. Manche unterhalten sich, lachen. Manche scheinen einen Schatten im Blick zu haben, obwohl sie sich bemühen, ebenfalls zu lächeln. Man steht neben ihnen und weiß plötzlich, dass man gar nichts weiß.

„Wir wollten einen Ort der echten Begegnung schaffen“, sagt Sabine Falkenbach, die das Projekt gemeinsam mit Ursula Bendorf-Depenbrock in nur zehn Wochen auf die Beine gestellt hat. Vom ersten Kontakt in Deutschkursen bis zur Eröffnung der Ausstellung. „Es war überraschend einfach, Teilnehmer zu finden, die begeistert mitgemacht haben.“

Mitstreiter aus allen Bereichen fanden sich schnell © LUDWIGGALERIE

Künstlerischen Raum teilen

Ursula Bendorf-Depenbrock nickt. „Wir wollten Raum teilen. Künstlerischen Raum. Eure Bilderwelten entdecken“, sagt sie in Richtung der Geflüchteten und strahlt.
„Vielen Dank an Malschule. Thank you all for Deutschkurs und dieses Projekt!“, ruft Mouhsen dazwischen und heiteres Lachen mischt sich mit Applaus. SPACE. WIDE. OPEN. erhebt keinen mahnenden Zeigefinger, will nichts aufdrängen. Es ist einfach ein Kunstprojekt mit Menschen.

„Alles ist hektisch und voller politischer Entscheidungen“, merkt Axel J. Scherer ruhig an. „Wir sollten erst einmal eine Sprache finden, den Menschen in die Augen blicken, jemanden kennenlernen.“ Es wird still unter den rund 80 Besuchern. „Das sollten wir vielleicht erst einmal tun, bevor wir über Probleme oder Lösungen diskutieren.“

Axel J. Scherer (mit Zettel) während des Projekts © LUDWIGGALERIE

Übrigens: Da zu Beginn der Suche nach Teilnehmern am Rechenacker in Oberhausen nur männliche Geflüchtete gewohnt haben, besteht die Gruppe ausschließlich aus Männern. „Das war aber keine Absicht“, erklärt Sabine Falkenbach. Das Organisationsteam dagegen bestand fast nur aus Frauen. Jeder, der nun fragen würde, ob es da Probleme gegeben habe, würde vom Projektteam nur ein müdes Kopfschütteln ernten.

Wo geht’s denn hier zum Bus?

Wie es weitergeht mit der Zusammenarbeit, ist noch offen. „Pläne haben wir aber reichlich“, erzählt Ursula Bendorf-Depenbrock.
„Wir haben außerdem auch außerhalb des Projekts untereinander Kontakt, zum Beispiel über WhatsApp“, berichtet Linda Schmitz, ebenfalls vom Team. Sie deutet auf Saif, der ursprünglich aus dem Irak kommt und noch im vergangenen Jahr sein Studium der Zahnmedizin abschließen konnte, bevor er flüchten musste. „Der IS braucht Zahnärzte nicht nur zum Heilen“, sagt er in fließendem Englisch. 

„Saif hat mir letztens in Oberhausen den Weg zum Bus gezeigt, weil ich mich in der Ecke überhaupt nicht auskannte, er aber schon sehr gut“, fügt Schmitz hinzu und lacht. Saif lacht mit. Weshalb auch nicht. Menschen lachen.

SPACE. WIDE. OPEN. – Welcome to the Arts. Dialog. Portrait. Ausstellung.  
9. Februar bis 28. Feburar 2016
LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Eintritt frei! 

Das Projekt entstand in Kooperation mit dem Bildungswerk der Ruhrwerkstatt Oberhausen und wurde gefördert vom Kultursekretariat Wuppertal. „Ohne diese Hilfe hätten wir das nicht realisieren können“, gibt Sabine Falkenbach zu bedenken. „Dann stünden wir heute alle nicht hier.“

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