Donnerstag, 10. März 2016

Der leise Blick ins Innere

Eröffnung der Foto-Ausstellung BRIGITTE KRAEMER

von Sarah Bauer

Mit ihren warmen braunen Augen blickt Brigitte Kraemer aufmerksam durch den Raum. „Wir brauchen noch mehr Stühle!“, ruft Emsan Bajram vom Museumsshop. Die Panoramagalerie ist voll. Voll mit Menschen, die über die verrückten Dauercamper an der Ruhr lachen. Oder betroffen und ganz still vor den Bildern von den kriegsverletzten Kindern aus dem Friedensdorf stehen. Mittendrin die Fotografin. Brigitte Kraemer. Unauffällig und dennoch ganz nah dran – wie immer.

Brigitte Kraemer © Sarah Bauer, LUDWIGGALERIE

 
„Wir sind zwar im kleinen Schloss, aber von einer kleinen Ausstellung kann man jetzt nun wirklich nicht reden“, sagt Dr. Christine Vogt, Direktorin der LUDWIGGALERIE und lacht. Rund 120 Fotografien erstrecken sich entlang der geschwungenen Wände und in den Vitrinen. Mit BRIGITTE KRAEMER – Mann und Auto · Die Bude · Im guten Glauben – Reportagen und Fotografien von 1985 bis heute zeigt das Schloss Oberhausen als erstes Haus überhaupt einen Gesamtüberblick über das Werk der vielfach ausgezeichneten Fotografin aus Herne.

Fast könnte man es auch Retrospektive nennen. Aber nur fast. „Nee, da fühl ich mich ja schon irgendwie alt!“, protestiert Kraemer mit einem Augenzwinkern. „Und ich höre ja jetzt auch nicht auf.“ Apropos Augenzwinkern. Viele ihrer Bilder – vor allem jene, die sie im Ruhrgebiet geschossen hat – verleiten mindestens zu einem Schmunzeln. Die Dame mit der Trockenhaube in ihrem Caravan, der tote Fisch, der – wahrscheinlich röchelnd – am Kanal zwischen skurrilen Aufbauten und echten Typen sein Ende findet.

Camper an der Ruhr, 1997 © Brigitte Kraemer

Doch obwohl Kraemer viel im Revier fotografiert und selbst dort lebt, würde man es sich zu einfach machen, sie in die Schublade „Ruhrgebietsfotografin“ zu schubsen. „Es gibt eine ganze Menge Reportagen, die auch international entstanden sind“, merkt Christine Vogt an. Die Schau in der LUDWIGGALERIE hat den Blick – nach Ausstellungen wie RUDOLF HOLTAPPEL (2015) oder RuhrKunstSzene (2014) – jedoch auf Kraemers Arbeiten in der Region gerichtet.

Und zwar nicht nur auf die Lacher und Dönekes, sondern auch auf ernste und politische Themen. Es gibt berührende Fotografien aus einem Frauenhaus. Gesichter, die von Geschichten gezeichnet sind. Und dennoch von Brigitte Kraemer nie bloßgestellt. Sie war einfach dabei. Hat dokumentiert. Leise, nah und menschlich. Kraemer blickt kurz aus dem Fenster, lächelt und lächelt die Komplimente auf sympathische, bodenständige Weise beiseite. „Ja nun. Ich habe halt fotografiert“, sagt sie mit warmer Stimme, in der auch ein bisschen Ruhrpott-Charme mitschwingt. „Aber das Wichtigste sind immer die Menschen selbst.“

Friedensengel, 2004 © Brigitte Kraemer

Ob ausgerissene Jugendliche in den Achtzigerjahren, verletzte Kinder aus Afghanistan im Jahre 2004 oder ganz aktuell Flüchtlinge von 201: Brigitte Kraemer dokumentiert – oft in Schwarz-Weiß – und kehrt Welten, die für die Gesellschaft im Verborgenen liegen, nach außen. Szenen, Blicke und Handlungen wirken für sich. Natürlich gibt es zu jedem einzelnen Bild eine Geschichte – doch andersherum ist jedes Bild auch ohne ein einziges Wort zu verstehen.

„Ich bin gerade ganz zufällig hier hereingekommen, war mit meinem Mann am Kanal spazieren“, sagt eine Besucherin und strahlt. „Es gefällt mir wirklich sehr. Manchmal lacht man, aber manchmal stockt man auch.“
Brigitte Kraemer ist irgendwo in der Masse verschwunden. Es bleiben die Bilder im Fokus. Und es werden nicht die letzten sein.

Viel los bei der Ausstellungseröffnung © LUDWIGGALERIE

Die Ausstellung BRIGITTE KRAEMER ist noch bis zum 12. Juni 2016 kostenfrei in der Panoramagalerie der LUDWIGGALERIE zu sehen. Zur Schau ist ein umfangreicher Katalog mit zahlreichen Abbildungen und spannendem Hintergrund-Interview mit der Fotografin erschienen.
Am Donnerstag, 14. April 2016, 18 Uhr, gibt es die Möglichkeit, Brigitte Kraemer bei einer Gesprächsrunde in der LUDWIGGALERIE persönlich kennenzulernen!

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