Mittwoch, 4. Mai 2016

Achtung, ätzende Kunst läuft aus!


Dr. Nina Schallenberg über Verleger und den Kunstmarkt

von Sarah Bauer

Marilyn Monroes Gesicht leuchtet pink in den abgedunkelten Raum hinein. Dann düster in schwarz-weiß ein nachdenklicher Andy Warhol, bevor man Robert Rauschenberg beim Signieren seiner Werke zuschauen kann. Pop Art hat viele Facetten – doch wie wurde diese massenhaft hergestellte Kunst eigentlich verkauft? Wieso ätzte sie schon Metall weg? Und wer hat sie aufgegessen?

Dr. Nina Schallenberg vom Wilhelm-Hack-Museum
Marilyn darf in der Pop Art nicht fehlen © LUDWIGGALERIE

Dr. Nina Schallenberg vom Wilhelm-Hack-Museum blickt konzentriert auf ihr Skript. Der Beamer summt leise, die Zuschauer warten gespannt. Beim Vortrag „Kunst für alle“ in der LUDWIGGALERIE berichtet die Sammlungskuratorin aus Ludwigshafen über Verleger, Vertriebstricks und Verrücktheiten des Kunstmarkts rund um die Pop Art der 60er und 70er Jahre.

Siebdruck, Serien. Da denkt man schnell an leichtfertig hingeworfene Kopien. „Doch Künstler wie Andy Warhol hatten eine sehr perfektionistische Herangehensweise“, gibt Nina Schallenberg zu bedenken. „Jeder Druck hatte seine eigene Nuance, kleinste Unterschiede. So wurde der Siebdruck vom Klischee des seriellen Verfahrens befreit.“

Doch Andy Warhol war nicht nur Künstler, er vertrieb seine Werke auch selbst als Verleger. 1966 gründete er mit seinem Assistenten Gerard Malanga die „Factory Addition“. Ein Wortspiel mit dem Ausdruck „Edition“. Unter anderem verlegte er dort die Tomato Soup oder das Portrait „Liz“. „In jener Zeit wurden unzählige Verlage gegründet“, berichtet Schallenberg, „und jeder hatte seine eigene Strategie.“

Dr. Nina Schallenberg vom Wilhelm-Hack-Museum
Dr. Nina Schallenberg vom Wilhelm-Hack-Museum

So entstanden damals – noch ganz ohne Internet – ganze Kataloge, aus denen Auflagenkunst ganz einfach bestellt werden konnte, wie wir es vom Otto-Versandprospekt kennen. „Da sah man eine Liste an Kunstwerken, wo man sich etwas aussuchen konnte und auf der Rückseite war der Bestellbogen“, erklärt die Ludwigshafener Kuratorin. Staunen im Publikum. Das Bild einer der Katalogseiten erscheint auf der Leinwand und strahlt den Charme vergangener Zeit aus.

Eine Institution, die solche Prospekte herausgab, war der VICE-Versand. Darüber hinaus griff er zu anderen unkonventionellen Mitteln, Pop Art unter die Leute zu bringen. „In der Remscheider Innenstadt gab es damals Vitrinen und der VICE-Versand stellte dort Kunstwerke aus.“ Jedoch nicht zu Verkaufszwecken. „Es gab keine Preise und nicht einmal einen Hinweis auf den Versand, nur Schilder mit Erklärungen zu den Objekten. Tatsächlich kamen dann ganze Schulklassen zum Gucken dorthin. Das sollte also bewusst einen pädagogischen Wert haben.“

Es gab allerdings auch Momente, in denen Kunstwerk und Publikum zu sehr verschmolzen. Nina Schallenberg schmunzelt. „Wolfgang Feelisch, Inhaber des VICE-Versands, zeigte damals die Edition Prager Brot auf der Gruga.“ Die Zuschauer blicken nun auf das Foto eines Weizenmischbrots mit darauf angebrachtem Thermometer. „In der Pause eines Jazzkonzerts kamen die Zuhörer raus und wollten essen. Da sahen sie das Brot, haben das Thermometer abgerissen und es aufgegessen – weil der Wurststand schon zu war. Manche haben dann noch geschimpft, dass acht Mark aber ganz schön teuer wären.“

Prager Brot - versehentlich gegessen © Präsentation Dr. Nina Schallenberg

Auch an anderer Stelle hat Pop Art – viele Jahre nach dem Erscheinen – für skurrile Situationen gesorgt. Zurück zu Warhols Suppendose. „Damals hat Warhol die Dosen für einen Dollar verkauft. Doch über die Zeit hat die Säure in der Suppe das Metall der Dose kaputtgemacht.“ Nina Schallenberg hält kurz inne. „Da erlebt man dann schon mal böse Überraschungen, wenn man im Depot eine Kiste aufmacht.“

Nach rund anderthalb Stunden endet der Vortrag. „Naja, Kunst für alle ist ja schön und gut – aber da konnte sich doch auch nicht jeder einen Warhol leisten, oder?“, fragt ein Besucher im Anschluss nach. „Doch“, erwidert Schallenberg, „damals war diese Kunst im Vergleich zu heute teilweise sehr günstig. Da gab es manche Drucke schon für 10 Mark.“ Verblüffung. Und jede Menge gelernt über Pop Art, Verleger und schräge Begebenheiten.

Die LUDWIGGALERIE zeigt noch bis einschließlich 16. Mai 2016 die Ausstellung AMERICAN POP ART, die größtenteils aus der Sammlung Heinz Beck des Wilhelm-Hack-Museums in Ludwigshafen entliehen ist. 

Der Rechtsanwalt Heinz Beck sammelte seit den 60er Jahren konsequent Werke der amerikanischen und europäischen Pop Art und stand dabei auch im Kontakt zu zahlreichen Verlegern. Damals waren die Preise für die Drucke niedrig – der Anwalt musste nie mehr als 2.000 Mark für ein Exponat ausgeben. Beck starb 1988 an Leberversagen. Am 15. März 1989 wurde die über 2600 Werke umfassende Sammlung an das Wilhelm-Hack-Museum übergeben.


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