Montag, 6. Juni 2016

Feiert den Fluss!

Die Emscherkunst 2016 – warum ihr das gesehen haben müsst! 

von Sarah Bauer

Weg rumpelt der Bus vom hell im Sonnenlicht schimmernden U des Dortmunder Turms am Hauptbahnhof. „Entdecke die Kunst“ lautet das Motto – und genau so gestaltet sich die Fahrt. Wir sind am Freitag an Bord der Preview-Tour zu den neusten Kunstwerken der Emscherkunst im Jahrgang 2016 gewesen und haben uns umgeschaut. An abgeschiedenen Holzhäusern, goldenen Felsen und dem „Shit“-Fountain.

 
"Warten auf den Fluss" - in Holzhütten © LUDWIGGALERIE


Bedrohlich ziehen Unwetterwolken am Horizont entlang. Doch noch strahlt die Sonne vom blauen Himmel. Erster Halt ist ein kleines Haselnusswäldchen. Dort hinein winden sich Stege aus Holz, die einen frischen Geruch abgeben. Ein wenig Urwald-Feeling entsteht. Am Ende landet man auf einer kleinen Sonnenterrasse mit Stufen. Zeit für eine „Kunstpause“ – wie das Werk der Landschaftsarchitekten vom  atelier le balto heißt. Der Ort befindet sich an der Huckarder Straße 181 in Dortmund, in der Nähe des Autobahnzubringers und eröffnet eine wunderbare Auszeit, die den dröhnenden Verkehr verblassen lässt.

Auf dem Weg zur "Kunstpause" © LUDWIGGALERIE

Stimmen-Spuk im goldenen Felsen

Apropos Dröhnen. Gleich gegenüber – und zu Fuß erreichbar – befindet sich ein dunkelgrauer, spitz zulaufender Felsen mitten auf der Wiese. Eine Rampe führt hinein. Es handelt sich um „Zur kleinen Weile“ von raumlabor. Drinnen schimmern die Wände golden und es scheint, als befände man sich im Inneren einer Zwiebel. Plötzlich lacht jemand. Vielfach verstärkt hallt der Klang zurück. Nun wird gebrummt, gesprochen, geschnalzt. Die Verwunderung, man spräche in eine Art Mikrophon, ist zu faszinierend, als dass man gleich wieder gehen könnte.
  
Die nächste Station ist ein Stück weit entfernt, in Recklinghausen. Es ist der „Waste Water Fountain“ am Stadthafen. Irgendwie erwartet man etwas Abstraktes. Und macht große Augen, als man mitten in der Emscher tatsächlich einen vollendeten Springbrunnen in mehreren Kaskaden stehen sieht. In der Gruppe wird gemunkelt, dass das Kunstwerk bereits jetzt den Spitznamen „Shit“-Fountain erhalten hätte. Die dänische Künstlergruppe Superflex möchte damit noch einmal gebührend das Abwasser feiern, bevor es durch den Emscher-Umbau unter der Erde verschwindet. Skurril und sehenswert!

Ein Brunnen, der Abwasser führt © LUDWIGGALERIE
 
Betrachten kann man den Brunnen von der Emscherbrücke der Bochumer Straße aus. Gleich gegenüber befindet sich auch das Kunstwerk „Analyse“ von Roman Signer.
Der weitere Weg führt uns nach Castrop-Rauxel. Und dort zu einem Kunstwerk, das nicht zum ersten Mal an der Emscherkunst teilnimmt: Die futuristisch und puristisch anmutenden Holzhäuser von Observatorium unter dem Titel „Warten auf den Fluss“. Hier kann man sich sogar einbuchen und die völlige Stille an einem alten Seitenarm der Emscher genießen – mit Frühstück, Kühlschrank und Panoramaaussicht von der Schlafstätte aus. Romantisch!

Kurz darauf treffen wir – ebenfalls fernab des Großstadtlärms – auf die „Wellenbrecher“ von Nevin Aladag. Stumm stehen sie in einer Landschaft, die auch an der norddeutschen Küste angesiedelt sein könnte. Vögel brüten, ein Reiher blickt neugierig hinter den hohen Gräsern hervor, Möwen kreischen. Und es riecht, nun man könnte sagen, „nach Meer“. Oder eben nach Emscher.  
 
Tetrapoden in der Landschaft © LUDWIGGALERIE

Mitten in diese Szenerie hat Nevin Aladag ihre Beton-Tetrapoden gehievt. Damit bezieht sie sich auf das hier entstehende Hochwasserrückhaltebecken und seine Schutzfunktion: Nach seiner endgültigen Fertigstellung wird es Wassermassen, zum Beispiel bei Starkregen, auffangen. Zu finden ist das Werk an der Strünkeder Straße 232-240 in Dortmund – am besten mit dem Fahrrad erreichbar. Tipp: Gleich daneben befindet sich das Werk „Gesellschaft der Amateur-Ornithologen“ von Mark Dion. Ein Gastank, der im Jules-Verne-Stil zur Vogelwarte umgebaut wurde. Für Freunde der Zeitreise.

Am Ende der Tour – die für uns leider aus Zeitgründen nur einen Teil der gesamten 50 Kilometer langen Route umfasst – landen wir am Phoenix-See. Hier warten gleich mehrere Kunstwerke auf ihre Entdeckung. Für Verblüffung und Gelächter sorgt dabei vor allem der „Chiosco“: ein Kiosk, der aus Venedig stammt und venezianische Andenken verkauft. Benjamin Bergmann, Künstler hinter dem Projekt, grinst verschmitzt. Er möchte mit dieser Installation, an der es neben Postkarten auch Masken und Trikots zu kaufen gibt, auch zum Nachdenken über das aus dem Boden gestampfte Phoenix-See-Areal anregen.

Venedig-Flair in Dortmund © LUDWIGGALERIE

Die Emscherkunst 2016 zeigt vom 4. Juni bis zum 18. September 100 Tage lang zeitgenössische Positionen der Kunst im Wechselspiel von Natur und Geschichte mit Stadt – und das schon seit 2010. In diesem Zyklus steht der Raum zwischen Holzwickede – wo man in Zelten von Ai Weiwei übernachten kann – Dortmund, Castrop-Rauxel und Recklinghausen im Fokus. Die 24 Werke laden ein zum Verweilen, Wundern und Entdecken.

Als Triennale begleitet die Emscherkunst die Entstehung eines lebendigen Flusses im Herzen des Ruhrgebiets. In einem Generationenprojekt wird seit den 1990er-Jahren der offene Abwasserkanal Emscher zu einer naturnahen Flusslandschaft umgebaut. Mehr dazu und zu allen weiteren Kunstwerken auf der Homepage der Emscherkunst.

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