Dienstag, 14. Juni 2016

Malermythen

Journalist Stefan Koldehoff über Relang und van Gogh

von Sarah Bauer
 
Abgeschnittenes Ohr. Nur ein Bild zu Lebzeiten verkauft. Verrückt. Beinahe jeder weiß bei diesen Stichworten, um wen es geht. Vincent van Gogh. Doch was stimmt und was ist nur Legende? Und was hat Fotografin Regina Relang 40 Jahre nach dem Tod des Malers durch Recherchen entdeckt? Journalist und Autor Stefan Koldehoff war nun in der LUDWIGGALERIE zu Gast und sprach im Rahmen der aktuellen Fotoausstellung REGINA RELANG zum „Mythos van Gogh“.

Vincent van Gogh und Regina Relang © LUDWIGALERIE

 
Er rückt seine Brille zurecht und schmunzelt kurz – dann erlischt das Licht und die Portraits von Vincent van Gogh, in Farbe gemalt, und Regina Relang, in Schwarz-weiß fotografiert, tauchen auf der Wand auf. „Sie haben sich zwar nie getroffen aber Regina Relang hat sich, fasziniert vom Leben des Malers, auf Spurensuche nach ihm begeben“, beginnt Koldehoff. Er berichtet, wie Relang einst selbst malte, ja sogar Malerei studierte – sich dann aber autodidaktisch der Fotografie widmete. „Oft fand sie ihre Gemälde selbst zu unzulänglich.“

Als sie begann, Reportagereisen zu unternehmen, besuchte sie verschiedene Länder und Städte in Europa – und schließlich auch 1936 Arles in Frankreich. Dort lebte van Gogh einige Zeit, unter anderem im Gelben Haus. „Vor Ort suchte Relang dann Zeitzeugen, die ihn gekannt hatten, und sprach mit ihnen. Allerdings muss man dabei immer beachten, dass Erinnerungen trügen können oder mit der Zeit verwässern.“

Journalist und Autor Stefan Koldehoff während des Vortrags © LUDWIGGALERIE
 
Vincent van Gogh war zu jener Zeit – trotz des NS-Regimes – sehr populär in Deutschland. „Es gab sogar Sammelbildchen zu van Gogh, die die Legenden seines Lebens forterzählten.“ Unweigerlich denkt man im Zuge der EM an die Sticker zu bekannten Fußballspielern. 

Die Sache mit dem Ohr

Doch was war denn nun mit van Goghs Ohr? Eine Frage, die einen großen Teil des Publikums umtreibt. „Sicher ist, dass es am 23. Dezember 1888 gegen 23.30 Uhr passierte. Er hat sich wohl mit einem Rasiermesser am Ohrläppchen verletzt und blutete daraufhin stark.“

Um diesen Vorfall ranken sich also die Legenden, die oft um ein Vielfaches dramatischer klingen. „Man schrieb in der Lokalzeitung später, er hätte einer Frau namens Rachel sein Ohr gegeben und ihr gesagt, sie solle es gut aufbewahren“, führt Stefan Koldehoff aus. An der Wand erscheint nun eine kleine vergilbte Zeitungsmeldung. „Regina Relang sprach während ihrer Recherchen mit dieser Frau, die allerdings alles abstritt.“ 

„Ein anderer Zeitzeuge sagte ihr: Van Gogh hat sein rechtes Ohr abgeschnitten. Er war verrückt, wer wusste schon, dass er nach dem Tod noch ein guter Maler wird!“, berichtet Koldehoff. Die Legende vom gänzlich abgetrennten Ohr sei aber kaum haltbar. „Hätte er es völlig abgeschnitten, dann wäre van Gogh ganz schnell verblutet, da verlaufen viel zu viele Arterien.“

Missverständnisse um schiefe Wände

Auch an der Verrücktheit des Malers wird gezweifelt. „Es gibt ja dieses Gemälde von seinem Schlafzimmer in Arles.“ Koldehoff deutet auf das Bild mit dem Bett und den schiefen Wänden, das in der Präsentation erscheint. Einige machten van Goghs Geisteszustand daran fest, dass der Raum zu schwanken schien und alles unnatürlich krumm aussah. „Dann wurden aber mal die Baupläne nachgeschaut und man stellte fest, das Zimmer hatte wirklich solch schiefe Fassaden gehabt.“

Der Anstaltswärter von Saint-Rémy - auch in der Ausstellung zu sehen © LUDWIGGALERIE
 
Regina Relang fotografierte und forschte nicht nur in Arles zu van Gogh. Sie besuchte auch die Nervenheilanstalt in Saint-Rémy und dort van Goghs Zelle. Auch sprach sie mit einem der Wärter von damals. „Er sagte ihr: Van Gogh war kein echter Irrer, sondern ein großer Maler“, trägt Koldehoff vor. 

Abschließend hat er noch einen Tipp für alle Besucher, die in die Region um Arles reisen möchten: „Suchen Sie, sprechen Sie mit den Menschen – und vielleicht finden Sie noch ein unbekanntes Werk von van Gogh.“ Im Raum herrscht ungläubige Stille. „Auch andere Bilder wurden da schon auf Speichern und in Scheunen entdeckt. Wieso sollten Sie nicht auch noch etwas finden?“

Diskussionen mit Spiegel-Beweis

Dass das Thema van Gogh noch heute polarisiert, merkt man im Anschluss an den rund dreiviertelstündigen Vortrag bei einer hitzigen Diskussion. Da muss Dr. Christine Vogt, Direktorin der LUDWIGGALERIE, noch einmal eilen, um einen Handspiegel zu holen. Nur, damit die korrekte Gesichtsseite, an welcher das Ohr van Goghs verletzt wurde, geklärt werden kann. 

In der Ausstellung REGINA RELANG – Inszenierte Eleganz – Mode- und Reportagefotografie von 1930 bis 1980 sind unter anderen auch drei Bilder zu sehen, die Relang damals auf ihrer Spurensuche zu Vincent van Gogh in Frankreich aufgenommen hat.

Stefan Koldehoff ist Journalist und unter anderem als Kulturredakteur des Deutschlandfunks Köln tätig. Zudem ist er ein Kenner van Goghs und Autor mehrerer Bücher über ihn.

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