Mittwoch, 10. August 2016

Die Diva, die stets kämpfte


Kuratorin Sophie Koch im Interview zu Marlene Dietrich

von Sarah Bauer


Ihr Blick ist fesselnd und undurchsichtig, wenn man an ihrem Portrait in der Gedenkhalle Schloss Oberhausen vorbeigeht. Die Ausstellung „Marlene Dietrich – Die Diva. Ihre Haltung. Und die Nazis.“ zeit die Facetten einer großen deutschen Persönlichkeit auf, um die sich viele Mythen ranken. Doch wer war Marlene Dietrich? Wofür stand sie? Wie stand sie zu den Nazis? Wir haben mit einer der Kuratoren der Ausstellung, Sophie Koch, von der Gedenkhalle gesprochen:

Eindrucksvoll direkt am Eingang: Die Dietrich © LUDWIGGALERIE


Die Diva. Die Kämpferin. Die Zurückgezogene. Was für eine Frau war eigentlich Marlene Dietrich?

Das ist eine Frage, die wirklich viele beschäftigt! Darüber könnte man natürlich einen langen Aufsatz schreiben, denn sie war sowohl als Frau als auch als Schauspielerin in Haltung und Verhalten für ihre Zeit unkonventionell. Sie war zum Beispiel zwar verheiratet und hatte auch eine Tochter, allerdings hatte sie nebenbei zahlreiche Affären mit anderen Männern – und auch Frauen. Außerdem kann man schon sagen, dass sie eine Frau war, die sich emanzipiert hat. Sie wollte ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen. Unabhängigkeit und Selbstbestimmung waren Marlene sehr wichtig. Andererseits mochte sie aber auch traditionelle Dinge. Sie hat sehr gern gekocht und die Familie galt ihr immer als Rückzugsort. Zugleich hat sie stets den Kontakt zu anderen Menschen geliebt, war oft vorlaut gegenüber Männern und gab sich gern burschikos.

 
Kuratorin Sophie Koch © LUDWIGGALERIE

Der Ausstellungstitel lautet „Marlene Dietrich – Die Diva. Ihre Haltung. Und die Nazis.“ – Wie war denn ihre Haltung zum Hitler-Regime?

Marlene Dietrich war immer eine Frau, die sich einmischte und ihre Meinung sagte. Zu ihrer Haltung gegenüber den Nazis kann man nur sagen: Sie war innerlich und äußerlich dagegen! Als sie 1933 mit dem Schiff aus Hollywood nach Deutschland fuhr, hörte sie während der Überfahrt eine Rede von Adolf Hitler im Radio und war schockiert. Sie ging dann schon in Frankreich von Bord und betrat deutschen Boden erst wieder 1944 im bereits durch die USA befreiten Aachen. Mit Kriegseintritt der USA engagierte sie sich bei der Truppenunterstützung der amerikanischen Soldaten, in dem sie zur Unterhaltung an der Front beitrug und dabei auch ihr Leben riskierte. Weiterhin hat sie verfolgte und emigrierte Künstler im Exil unterstützt, in dem sie gemeinsame Projekte mit ihnen umgesetzt hat.
 
Ergaben sich aus ihrer Haltung Probleme wie Verfolgung oder Bedrohung?

Zunächst einmal war Marlene Dietrich mit ihrer Haltung nie einer direkten Gefahr ausgesetzt, weil sie einfach in den USA lebte. Hätte sie in Deutschland gelebt, wäre das deutlich schwieriger geworden. Ihre Familie wohnte zwar weiterhin in Berlin, was natürlich ein gewisses Risiko war, doch auch da ist nie etwas passiert. Marlene Dietrich versuchte aber auch immer, diplomatisch zu sein und immer so zu handeln, dass man ihr nie etwas anhaben konnte. Die Nazis haben immer wieder versucht, sie als großen Star für Deutschland zurückzugewinnen und ihr finanzielle Anreize und Erfolg in Aussicht gestellt. Das hat sie aber immer wieder abgelehnt oder einfach nicht beantwortet. Das Einzige, was vorkam, war, dass sie ab und an in der NS-Presse abgewertet wurde.

In der Ausstellung gibt es viel zu entdecken © LUDWIGGALERIE
 
Wie lebte sie nach Kriegsende weiter?

Nach Kriegsende hat sie unter anderem in Paris in den Stage Door Canteens weiterhin Soldaten aus den USA, Großbritannien und Frankreich unterhalten. 1947 bekam sie von den Amerikanern für ihr Engagement die „Medal of Freedom“ verliehen. Auch in Israel oder Frankreich erhielt sie später Auszeichnungen. Von Deutschland bekam sie jedoch nie eine Anerkennung. Erst 1992, nach ihrem Tod, erhielt sie ein Ehrengrab in Berlin.
Ihre weitere Auseinandersetzung nach 1945 mit der NS-Zeit zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Sie besuchte das ehemalige Warschauer Ghetto oder spielte im Aufklärungsfilm „Eine auswärtige Affäre“ mit, der der Re-Education der Deutschen galt. Auch für den Film „Black Fox“, der akribisch den Aufstieg und Fall Hitlers dokumentierte, schrieb und sprach sie den Kommentar und versuchte bis in die 1980er-Jahre hinein, den Film in möglichst viele Kinos zu bringen. Noch gegen Ende ihres Lebens verfolgte sie 1987 über die Presse den Prozess um den „Schlächter von Lyon“, Klaus Barbie. So erfuhr sie auch vom Ehepaar Klarsfeld. 

Ansonsten hat sich Marlene Dietrich schon in den 1970er-Jahren zurückgezogen und verließ ihre Pariser Wohnung bis zu ihrem Tod 1992 nicht mehr. In Kontakt mit der Öffentlichkeit stand sie nur noch über Presse und Telefon. Das hat sie aber sehr rege genutzt. Möglicherweise wollte sie den Mythos um ihre Jugend aufrechterhalten und der Gesellschaft als jung in Erinnerung bleiben.

Einige Filmausschnitte kann man sich an den Multimedia-Stationen anschauen © LUDWIGGALERIE

Noch einmal kurz zurück zum Verhältnis zwischen Marlene Dietrich und dem Ehepaar Klarsfeld, das für sein Engagement bei der Aufklärung und Verfolgung von NS-Verbrechern international bekannt ist. Was weiß man heute darüber?

Marlene Dietrich las zum ersten Mal in der Presse beim Prozess um Klaus Barbie von Serge und Beate Klarsfeld. Alle lebten zu der Zeit in Paris. So begann Marlene Dietrich den beiden zu schreiben und es entstanden ein reger Kontakt und eine enge Freundschaft. Sie sprachen dabei viel über NS-Täter und Verantwortung. Die drei brachten sich gegenseitig eine große Wertschätzung entgegen. Leider hat das Ehepaar Klarsfeld Marlene Dietrich nie gesehen. Es gab nur Korrespondenzen über Briefe und Telefon. Noch nach Marlene Dietrichs Tod setzte sich Beate Klarsfeld unter anderem für die Einrichtung eines Marlene-Dietrich-Platzes in Paris ein. Und auch als sie von unserer Ausstellung jetzt hier in Oberhausen erfuhr, war sie sofort begeistert. „Es geht um Marlene? Ja ich komme!“, sagte sie direkt.

Ausstellung
MARLENE DIETRICH
Die Diva. Ihre Haltung. Und die Nazis.

12. Juni bis 11. Dezember 2016
Gedenkhalle Schloss Oberhausen, Konrad-Adenauer-Allee 46, 46049 Oberhausen

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