Freitag, 18. November 2016

Durch fremde Augen geblickt


Flüchtlinge unterwegs mit Einwegkameras – ein Gespräch mit der Künstlerin


Mit den beiden SPACE WIDE OPEN-Projekten hat die LUDWIGGALERIE in diesem Jahr den Museumsraum für den Dialog mit geflüchteten Menschen geöffnet. Kunst, Kultur und Ausstellungen können Kommunikation fördern, Verständigung möglich machen, universell Ausdruck verleihen. Ganz in diesem Sinne hat auch die junge Sozialpädagogin Maria Tischer lange Zeit an ihrem Fotografie-Konzept mit Geflüchteten gearbeitet und zeigt, was Kunst in diesem Bereich bewegen kann. Ein Blick über den Tellerrand. Ein Gespräch mit einer ambitionierten Frau.

Maria Tischer © Maria Tischer / CatOgraphiC



Dein Projekt heißt „Durch meine Augen: Dokumentation – Kommunikation – Reflexion –Konfrontation“. Darin schickst du Menschen mit Einwegkameras los, um später anhand ihrer frei fotografierten Motive durch ihre Augen zu blicken und ihnen gleichzeitig eine Stimme und Ausdruck zu verleihen. Wie kam dir die Idee dazu?

Schon seit ich denken kann, interessiert mich Kunst. Ich habe schon immer versucht, mich selbst mit verschiedenen Mitteln auszudrücken. Seit meinem Bachelorstudium (Sozialpädagogik in Berlin) befasse ich mich intensiv mit der Fotografie. Ich habe angefangen, mit Fotos meine Gefühle widerzuspiegeln, Momente festzuhalten und bestimmte Verhaltensweisen zu reflektieren. 
Mir ist es aber wichtig, auch anderen Menschen die Chance zu geben, zu kommunizieren und sich auszutauschen. Oft bestehen verschiedene Schwierigkeiten dabei, sei es durch eine Sprachbarriere, psychische Schwierigkeiten oder körperliche Beeinträchtigungen. Somit war für mich klar, dass ich ein Projekt mit der Fotografie umsetzen möchte, bei dem verschiedenste Menschen, egal mit welchem Hintergrund, die Chance haben, durch Bilder nach außen zu treten und sich selbst besser kennenzulernen.

Die Welt durch Einwegkameras © Maria Tischer / CatOgraphiC
 
Wie haben die geflüchteten Menschen auf dieses Anliegen reagiert?
Bis jetzt waren alle sehr begeistert.  Da die geflüchteten Menschen unterschiedlichen Alters, Herkunft und in verschiedenen Einrichtungen waren und teils immer noch dort leben, gab es natürlich auch verschiedenen Reaktionen. Aber alle Reaktionen waren durchweg positiv. Ich durfte eine große Dankbarkeit erfahren, weil ich ihnen durch die Arbeit mit der Kamera eine Stimme gegeben habe, in der sie hier verstanden werden, sodass die Möglichkeit bestand, Lebensgeschichten zu erzählen oder auf bestimmte Umstände aufmerksam zu machen. Ich hoffe, ich kann dadurch auch langfristig etwas bewegen.

Hattest du Erwartungen, was ihre Motive, die sie wohl fotografieren würden, angeht? 

Ich hatte zwar bestimmte Ideen im Kopf aber keine konkreten Erwartungen an die Ergebnisse. Ich habe den Menschen volle Freiheit bei der Motivsuche gelassen. Nur das Oberthema war vorgegeben und lautete „Dein Alltag – Was ist für dich wichtig? Wie fühlst du dich? Was magst du nicht? Auf was möchtest du aufmerksam machen?“ Damit waren auch für mich die Ergebnisse jedes Mal überraschend. Unterschiedlicher hätten die Motive nicht sein können und ich persönlich finde die Fotos sehr interessant, belebend und aufschlussreich.

Die Welt anderer durch Einwegkameras © Maria Tischer / CatOgraphiC

Wie unterschieden sich die Motive in den verschiedenen Gegenden/bei verschiedenen Kulturen?

Teilnehmer aus größeren Gruppen, die stark positiv von außen unterstützt werden, wirken freier und fotografieren dementsprechend positivere Motive als Menschen, die sich unwohl fühlen und stark eingeschränkt in ihren Handlungen sind. Kinder mit Familien haben auch noch mal einen anderen Blickwinkel. Ich möchte aber ungern von vorherein eine Meinung äußern. Der Beste weg ist, sich selbst die Projektergebnisse anzusehen und auf sich wirken zu lassen, denn darum geht es mir:  zu erkennen, sich hinein zu fühlen, die Welt durch die Augen anderer zu sehen und dabei über sich selbst nachzudenken. 

Aufnahme von der Ausstellung in Köln © Die Welt durch Einwegkameras © Maria Tischer / CatOgraphiC
 
Wie wird es nun weitergehen?

Geplant sind weitere Fotoprojekte, die sich dann aber nicht mehr nur auf geflüchtete Menschen beziehen, sondern auch Personen mit verschiedenen kulturellen und persönlichen Hintergründen einschließen. Ich würde es gern für alle Menschen umsetzen, denen es schwerfällt, auf normalem Wege zu kommunizieren, aber auch für Gruppen, in denen bestimmte Lebensumstände schwer erklärbar oder vorstellbar sind. Weiterhin möchte ich eine Zusammenarbeit mit Menschen in sozialen Berufen und werdenden oder gewordenen Müttern durchführen und würde das dann auch gern deutschlandweit und darüber hinaus in Ausstellungen zeigen.
Die Fotografie ist aus meiner Sicht ein hervorragendes Mittel, es für Zuschauer möglich zu machen, sich in verschiedene Situationen und Lebensumstände hineinzuversetzen.

 
Interpretationsspielraum bei allen Motiven © Maria Tischer / CatOgraphiC

Wie hat dich das Projekt persönlich verändert?

Für mich persönlich war es bis jetzt eine Achterbahnfahrt. Es gab schwere Momente, in denen ich hart kämpfen musste für meine Idee, aber ebenso gab es so viele berührende Situationen, die mich positiv beeinflusst haben. Zusammengefasst hat mich das Projekt wachsen lassen, ich durfte Erfahrungen sammeln, mit vielen verschiedenen Menschen arbeiten, durfte ihre Lebensgeschichte erfahren und was für mich besonders schön ist: Ich konnte für sie Wege schaffen, damit sie sich ausdrücken konnten. Ich hoffe, wirklich viele Menschen weltweit zu erreichen und etwas in Gang zu setzen. Für Toleranz, Gefühl und Akzeptanz.

Maria Tischer sucht für die Fortsetzung und Ausweitung ihrer fotografischen Arbeit weiterhin Sponsoren und Unterstützer. Ebenso kann jeder, der interessiert ist, selbst an ihrem Projekt mitwirken, als Motiv oder aber dadurch, dass er ihren Fragebogen ausfüllt und damit ihre Forschung voranbringt: www.durchmeineaugen.de/fragebogen.

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