Donnerstag, 26. Januar 2017

Achtung, freundliche Übernahme!


Making-of der Performance von Christin Lahr – Macht Geschenke

von Sarah Bauer  

Leise rollt die Sackkarre neben dem dröhnenden Verkehr auf der Mülheimer Straße entlang. Die orangefarbenen Gurte, die den schwarzen Schreibtischstuhl festhalten, leuchten im kühlen Schatten des Abends. Einige Spaziergänger drehen sich um, schauen verwundert, gehen weiter. Still und in einer freundlichen Übernahme hat Künstlerin Christin Lahr mit Assistentin Linda Schmitz den Stuhl von Oberbürgermeister Daniel Schranz entwendet. Jetzt wird das Möbelstück nicht nur museumsreif, sondern auch erst mal kräftig aufgewertet!

Freundliche Übernahme für "Macht Geschenke: Das Kapital" © LUDWIGGALERIE



„Moment, bleib noch mal kurz stehen!“ Christin Lahr justiert ihre Kamera, während Linda Schmitz die noch leere Sackkarre abstellt. Aufgebrochen sind die beiden, um den Sessel von Oberhausens Oberbürgermeister Daniel Schranz aus dem Rathaus zu mopsen für die Installation Macht Geschenke: Das Kapital. „Im Rahmen von Ausstellungen übernehme ich den Stuhl des jeweiligen Stadtoberhaupts und richte an einem kapitalen Tisch inmitten der Installation meinen Arbeitsplatz ein“, erklärt Lahr. „Da gewähre ich dann bildhafte Einblicke in das Wesen von Bürokratie, Ökonomie und Macht.“

Mit der Sackkarre ins Rathaus © LUDWIGGALERIE

Die Künstlerin und Professorin dokumentiert den Ablauf der Aktion ganz genau mit Fotos, die später in besagter Installation in der Ausstellung LET’S BUY IT! in der LUDWIGGALERIE zu sehen sein werden – genauso wie der Stuhl.

Bis dahin ist es allerdings noch ein langer Weg. Der endet erst einmal im Foyer des Rathauses, als Christina Lahr von den skeptisch blickenden Damen am Empfang gestoppt wird. „Sie möchten direkt zum Oberbürgermeister? Das ist selten.“
Selten kann Christin Lahr gut. „Ich finde es immer interessant, wie dieses Projekt polarisiert“, sagt sie, als es schließlich grünes Licht für den Besuch gibt. „Selbst Leute, die damit erst einmal gar nichts anfangen könne, tauen meist irgendwann auf und sind dann doch neugierig.“

Im Bürgermeisterbüro wird die Künstlerin bereits erwartet. Daniel Schranz räumt noch schnell einen Karton vom Schreibtisch und blickt ein letztes Mal ein wenig sehnsüchtig auf seinen Sessel, während ein Kollege ihm bereits feixend einen kleinen Hocker als Ersatz hinhält. Ob er sein Möbelstück vermissen wird? „Ja, doch“, gibt Schranz nach kurzem Überlegen zu und grinst. "Er wird mir fehlen.“

Ein Hocker als Ersatz ...? © LUDWIGGALERIE

„Sie wissen ja, dass Sie den Stuhl nach der Ausstellung unversehrt zurückbekommen“, beruhigt Christin Lahr. „Er ist dann sogar aufgewertet und mit einem künstlerischen Mehrwert versehen. Sie sehen es zwar nicht – aber Sie wissen es!“ 

Christin Lahr protokolliert den Weg des Stuhls mit der Kamera © LUDWIGGALLERIE

Allein in diesem Satz spiegeln sich Humor und Hintergedanken der Künstlerin. Wie wichtig ist es uns eigentlich, etwas zu besitzen? Was haben wir davon? Wie verschieben sich Bedeutungen und Symbole von Macht, wenn man sie vor andere Hintergründe rückt?
Hinter dem langen Schreibtisch von Oberbürgermeister Daniel Schranz im Rathaus machte der Stuhl einen majestätischen Eindruck. Auf eine Sackkarre geschnürt vor einem beklebten Mülleimer an der Straße sieht das schon ganz anders aus.


Und zurück geht es mit dem Objekt der Begierde © LUDWIGGALERIE

Christin Lahr spielt mit komplexen Zusammenhängen. Mit Geld, Macht, Kunst, Andeutungen und Kleinigkeiten, die beim ersten Hinsehen nicht jedem auffallen aber immer ihren Witz entfalten, wenn man sich genug Zeit nimmt. Im Halbdunkel fährt Linda Schmitz den Sessel schließlich durch die Straßen Oberhausens Richtung LUDWIGGALERIE. Einen Teil des Weges legen sie und die Künstlerin mit dem neuen Kunstwerk dann aber doch mit dem Auto zurück. 

Das Schloss ist bereits von außen hell erleuchtet, als die beiden aussteigen. „Ich denke, am besten lassen wir den Stuhl jetzt noch mit dem Aufzug fahren“, findet Christin Lahr. Und so schieben sie ihn am Ende vor die grau gestrichene Museumswand der Installation, auf der in goldenen Lettern Macht Geschenke: Das Kapital prangt.

Vor dieser Kulisse befindet sich der Stuhl jetzt © LUDWIGGALERIE

An dieser Wand befinden sich übrigens auch die Ausdrucke der Bestätigungen von einem Cent, den Christin Lahr jeden Tag an das Bundesministerium der Finanzen überweist.
Was das zu bedeuten hat und in welchem Zusammenhang es mit dem Stuhl des Oberbürgermeisters steht, könnt ihr momentan und noch bis zum 14. Mai 2017 in der Ausstellung LET’S BUY IT! in der LUDWIGGALERIE erfahren. Kommt doch einfach mal vorbei und lasst euch überraschen. 

Christin Lahr wurde 1965 in München geboren. Sie studierte an der Universität der Künste in Berlin und war Meisterschülerin bei Professor Valie Export. Von 2006 bis 2010 war sie Leiterin des Studienganges an der Medienkunst HGB Leipzig. Seit 2010 ist sie geschäftsführende Professorin dort. Für ihre Arbeiten erhielt sie bereits zahlreiche Stipendien und Preise. Lahr lebt und arbeitet in Berlin und Leipzig.

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