Freitag, 20. Januar 2017

„Wenn er bei der Kunst klaut, klau ich es halt zurück!“

Humoristische Einblicke in den Umbau zu LET’S BUY IT! 

von Sarah Bauer  

Leise surrt der Akkuschrauber, bevor er auf die weiße Museumswand trifft und mit durchdringendem Schaben eine Schraube für die neu eingetroffene Kunst hineindreht. Während Comiczeichner Ulrich Schröder noch seinen großformatigen Donald Duck verpackt, wartet daneben schon ein Schaufenster mit kreischbunten Schuhen im Look der 70er Jahre. Gleich um die Ecke klebt Martin Gensheimer stundenlang Weihnachtsmänner auf und im Foyer stehen plötzlich Mühlenflügel und ein Kleid aus Holz.
 
Das kann Stunden dauern - Martin Gensheimer beim Aufbau © LUDWIGGALERIE


 
Wer denkt, die neue Ausstellung LET’S BUY IT! wäre still und heimlich in die LUDWIGGALERIE eingezogen, irrt sich gewaltig. Glitzernd, pompös, mit großen Namen, alten Meistern, Leuchtkästen, Geldsäcken und raumgreifenden Installationen erobert sie in dieser Woche wie ein unaufhaltsamer Etikettierer die Räume des Schlosses. Künstler Martin Gensheimer balanciert auf einer großen Leiter und nimmt Maß für seine irritierende Fotowand, auf der in hundertfacher Serie er selbst als Weihnachtsmann in einem Kaufhaus zu sehen ist.
 
Martin Gensheimer (l.) bringt seine Fotos an © LUDWIGGALERIE

„Ich sollte mal bei einem großen Warenhaus in Duisburg zu einem Vorstellungsgespräch kommen, um in der Weihnachtszeit als Verkäufer bei den Spielwaren auszuhelfen“, erinnert sich Gensheimer, das für ihn typische schiefe Grinsen im Gesicht. „Dann war der Job plötzlich schon weg und die meinten zu mir, dass der Weihnachtsmann aber noch zu vergeben wäre.“

So bekam er roten Mantel und kitschigen Thron zwischen grauen Hemden und Neonbeleuchtung. Ein Fotograf kam dazu und lichtete Gensheimer als Weihnachtsmann unzählige Male mit Kindern von Kunden ab, die das Bild dann als Erinnerung mitnehmen konnten. „Ich finde es besonders gut, dass ich das zu LET’S BUY IT zeigen kann, weil die Bilder im Warenhaus entstanden sind und ich mir dann auch irgendwo immer die Frage stelle, was tut man als Künstler eigentlich alles, um Kohle zu verdienen?“

Kurz darauf trifft Christoph Platz ein und stellt seine mehrteilige Installation mit buntem Mondrian-Kleid und Windmühle aus Holz ab. „Wo steh ich denn?“, fragt er und schält sich aus seinem langen Mantel. Direktorin Christine Vogt ist sofort zur Stelle und schon geht es mit dem gläsernen Aufzug in die zweite Etage. 
 
Christoph Platz beim Aufbau seiner Skulptur © LUDWIGGALERIE

In diesem Werk kann man gleich eine ganze Reihe von Aspekten entdecken, die gar nicht mit einem Wort zu fassen sind“, erklärt Platz, während er den dumpf rumpelnden Sockel aus massivem Holz auspackt. „Ich beziehe mich hier auf das historische Ereignis, als Yves Saint Laurent den Künstler Mondrian mit in seine Mode hineingenommen hat.“ Das weiße Kleid mit den blauen, gelben und roten Flächen spricht da für sich. 

„Da kam ich auf den kühnen Gedanken, wenn Yves Saint Laurent bei der Kunst klaut, klau ich es halt zurück!“ Platz wuchtet das Mondrian-Kleid auf den Sockel und bittet kurz um Assistenz. „LET’S BUY IT – Kunst und Klauen!“ Er lacht auf, dann surrt der Akkuschrauber wieder. „Mondrian hat ja auch nebenbei immer Landschaften gemalt, daher wollte ich das Kleid in einer Landschaft positionieren“, berichtet er schließlich weiter und holt nun die Mühlenflügel dazu. 

Endlich fertig! © LUDWIGGALERIE

„Die Windmühle kam mir dann als Symbol einer typisch holländischen Landschaft in den Sinn und zugleich bekam sie eine neue Bedeutung: Ich stellte die Windmühle schräg, sodass sie jetzt wie ein Ventilator fungiert – dem typischen Gegenstand auf Modenschauen oder bei Fotoshootings.“

Zwar geht an diesem Tag erst spät abends das Licht im Schloss aus, doch am kommenden Morgen wartet bereits Künstlerin Gunhild Söhn mit zwei großen Leinwänden und etwas Werkzeug in der Jackentasche auf Einlass. Das Motiv ist bunt, fotografisch anmutend und dennoch eindeutig als Malerei erkennbar. „Jetzt erst mal einen Kaffee!“, findet ihr Mann und schmunzelt.

Gunhild Söhn nimmt genau Maß © LUDWIGGALERIE

Anschließend müssen die beiden Leinwände verschraubt werden. Gunhild Söhn rückt ihre Brille zurecht und blickt konzentriert auf ihr Werk. Es zeigt den Museumsshop des Folkwang Museums im Jahr 1995, noch vor dessen Umbau. „Ich wollte mich dadurch auseinandersetzen mit dem Betriebssystem Kunst. Zu der Zeit gab es da gerade große Diskussionen drüber“, weiß Söhn noch genau. „Ich wollte die kommerzielle Präsentation von Kunst in Museumsshops hinterfragen.“

Genau dieses Werk war der Ausgangspunkt einer ganzen Reihe von Bildern, die Söhn zu diesem Thema bis heute geschaffen hat. „Ich nehme Gegenstände aus Museumsshops und transformiere sie durch meine Gemälde zurück in Kunst.“
Nun tritt sie einen Schritt zurück. „Nein, der Spalt ist mir noch zu groß“, murmelt sie dann und greift erneut zum Schraubenzieher. 

So wird noch bis kurz vor der Pressekonferenz am Donnerstagmorgen geklopft, gebaut und geschraubt. „So eine große Themenausstellung fordert natürlich auch immer enormen Einsatz von allen Beteiligten“, sagt Direktorin Christine Vogt, die stets selbst von früh bis spät im Einsatz und zugleich Kuratorin von LET’S BUY IT! ist. Die letzte große Themenschau fand 2013 in der LUDWIGGALERIE unter dem Titel HAIR – Das Haar in der Kunst statt. 

Ob sich das Werkeln gelohnt hat? Überzeugt euch selbst am Samstag, 21. Januar 2017, um 19 Uhr bei der großen Eröffnung von LET’S BUY IT! Der Eintritt ist frei und es erwartet die Besucherinnen und Besucher neben rund 300 Objekten auch die Performance einer Liebesbriefschreiberin. Außerdem werden auch hier wieder einige Künstler anwesend sein.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen