Montag, 1. Oktober 2018

Auf Zeitreise mit Rudolf Holtappel




Selbstbildnis, o.J. © Rudolf Holtappel
Dicht gedrängt steht eine Besuchergruppe im Aufzug der Zeche Franz Haniel in Bottrop – Ende 2018 werden sich seine Türen zum letzten Mal öffnen. Am 21. Dezember 2018 wird auf dem Gelände der Schachtanlage Franz Haniel eine zentrale Abschiedsveranstaltung zum Bergbau stattfinden. Das Datum markiert das Ende des deutschen Steinkohlebergbaus. Zur Vermittlung der damaligen Umstände der Arbeit unter Tage helfen Besuche in Bergwerken, Vorträge oder aber auch visuelle Medien. Auf der diesjährigen „Gamescom“, Messe für Computer- und Videospiele, wurde sogar die Option vorgestellt mithilfe von Virtual-Reality-Brillen, ein Bergwerk zu besuchen.


Das, was früher das Ruhrgebiet geprägt hat, ist heute Vergangenheit und wird damit in die Geschichte eingehen. Rudolf Holtappel (1923–2013), Fotograf und „Chronist des Ruhrgebiets“, gehört zu den Persönlichkeiten, die besonders im Zeitraum von 1950–1980, aber auch darüber hinaus dokumentarische Aufnahmen von Industrie- und Stadtlandschaften angefertigt haben. Und das mit Erfolg. Dafür steht eine Vielzahl an Preisen im Bereich der Wirtschaftsfotografie sowie Einzel- und Gruppenausstellungen wie z. B. im Museum Wiesbaden, der Kunsthalle zu Kiel, der Kunsthalle Rostock, dem Weserburg Museum für moderne Kunst in Bremen und weitere. Holtappels fotografische Arbeit ist nach wie vor aktuell und in Ausstellungen präsent. Seine Abzüge finden ihren Weg auch in zahlreiche Bildbände, die im Carl Lange Verlag erschienen sind (zum Beispiel zu Duisburg, Dinslaken, Gelsenkirchen, Oberhausen u.v.a.m.).

Holtappel hat den größten Teil seines Lebens im Ruhrgebiet verbracht. Er ordnet seine Aufnahmen keiner konzeptionellen Strenge unter;  je nach Motiv wird die Szene neu ausgelotet. Damit erhält er sich die Möglichkeit, auf seine Umgebung zu reagieren und den Moment aufzuzeichnen. Holtappels Blick bestimmt seine Bilder. Er fängt die Leichtigkeit der Kinder, die auf der Osterfelder Straße vor den Zechentürmen spielen, ein. Oder aber zwei spazierengehende Frauen mit Kind. Sie wirken beinahe belanglos klein vor der monumentalen Größe des Wasserturmes einer Zeche. Die leichte Untersicht der Aufnahme und das Hochformat der Fotografie betonen die Höhe des Turmes. Die Fotografie kann nur einen Ausschnitt eines Industriegeländes erfassen, wie es bei den Hochöfen der Hüttenwerke von Oberhausen zu sehen ist.´


Osterfelder Straße, Oberhausen, 1960 © Rudolf Holtappel



Oberhausen Essener Straße mit Hoag, 1960 © Rudolf Holtappel


Hochöfen der Hüttenwerke, Oberhausen, 1964 © Rudolf Holtappel


Dennoch gibt es Fotografien, die untereinander Ähnlichkeiten aufweisen und Holtappels besondere Interessen widerspiegeln: So steht z. B. immer wieder der Mensch im Mittelpunkt. Dabei wahrt Holtappel Distanz zu den Motiven, die er abbildet. Er geht eher einen Schritt zurück, als einen Schritt nach vorn. Über die Darstellung von Personen im Bild lassen sich die Dimensionen der Bergwerke zeigen. Mensch und Alltag verschmelzen mit der Industrie. Weiterhin bevorzugt Holtappel, um den Hauptteil eines Industriegeländes zeigen zu können, einen erhöhten Standpunkt, der einen Überblick ermöglicht. Wiederum in anderen Fotografien, wie in „Oberhausen am Damm“, findet eine Symbiose von Natur und Industrielandschaft statt, sodass die Schlote wie Bäume in die Szene eingebettet wirken. Anders als bei den Farbaufnahmen sind bei Schwarz-Weiß- Aufnahmen besonders helle und dunkle Bereiche von elementarer Bedeutung. Sie lenken den Blick des Betrachters. Das Schwarz-Weiß kann Smog zu Nebelschwaden verklären, die fast romantisierend wirken, wie es in den Fotografien „Kokerei Zeche Jacobi“ oder „Schladviertel“ zu sehen ist.
Kokerei Zeche Jacobi, Oberhausen, o. J. © Rudolf Holtappel


Schladviertel, Oberhausen, 1965 © Rudolf Holtappel



Oberhausen am Damm, 1960 © Rudolf Holtappel


Das Ruhrgebiet und die Industriefotografie sind nur zwei der vielen Themen, mit denen sich Holtappel bildnerisch auseinander gesetzt hat. Zu seinem Repertoire gehören auch die Warenhausfotografie, die Reisefotografie, die Werks- und Werbefotografie, die Theater- und Bühnenfotografie sowie Experimente mit Fotomaterial und fotografischen Verfahren. Zusätzlich hat Holtappel als freiberuflicher Fotograf für Karstadt gearbeitet. Er besuchte die unterschiedlichen Standorte, dokumentierte deren Architektur, fertigte Porträts und Aufnahmen von Auslagen und Verkaufsbereichen an. Im Bereich der Werks- und Werbefotografie kann ein langjähriges Auftragsverhältnis zu Henkel genannt werden. Er prägte das Bild des Konzerns mit Bildern in den Mitarbeiterzeitschriften „Henkel-Blick“/„Henkel-Life“ und auch „rundrum. Das Magazin von Henkel“. Als Motiv der Theaterfotografie dient wiederholt das Theater Oberhausen unter der Ära Büch und Weise. Holtappel trat der Gesellschaft für fotografische Edeldruckverfahren bei und beschäftigte sich im Besonderen mit alten fotografischen Verfahren wie dem Bromöldruck oder der Cyanotypie. Er fotografierte für den WDR, ARD und ZDF und für verschiedene Magazine.

Seit Ende 2017 befindet sich der Nachlass von Rudolf Holtappel im Bestand der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen. Er beherbergt neben 360.000 Negativen (Kleinbild, Mittelformat und Großformat), Dias, zahlreiche Abzüge in schwarz-weiß, Farbe, anderen Techniken und weitere Materialien. Der Nachlass befindet sich zurzeit in der Aufarbeitung und wird in zwei Jahren in einer Ausstellung im Großen Schloss gezeigt. Holtappel wurde bereits 2015 im Kleinen Schloss eine Einzelausstellung unter dem Titel „Augenzwinkern“ gewidmet und einige seiner Arbeiten wurden in den Ausstellungen „Green City. Geformte Landschaft – Vernetzte Natur. Das Ruhrgebiet in der Kunst“ (2015) und „Let’s buy it. Von Albrecht Dürer über Andy Warhol bis Gerhard Richter“ (2017) im Großen Schloss präsentiert.

Am 16. September fand die Eröffnung der Ausstellung Stoffwechsel – Die Ruhrchemie in der Fotografie statt, in der Holtappel einen Platz zwischen Renger-Patzsch, Häusser, Schmölz und Windstosser findet. Die LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen und das LVR- Industriemuseum zeigen Fotografien aus dem Bestand der Ruhrchemie AG und ihrer Nachfolgeunternehmen. Die Ausstellung wird an zwei Orten präsentiert: Im Kleinen Schloss der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen (16.09.2018–24.02.2019) und im Peter-Behrens-Bau des LVR-Industriemuseums (16.09.2018–17.03.2019). Also unbedingt die Termine eintragen und vorbeikommen.
Autorin: Miriam Hüning


Ruhrchemie mit Besuchergruppe, Oberhausen, 1961 © Rudolf Holtappel

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