Freitag, 20. Dezember 2019

Der Fall Struwwelpeter - Bloggertag 3.0

Schon einmal darüber nachgedacht, was für ein Kind der Struwwelpeter wohl heutzutage wäre? 
Begegnete ein solches Kind einem auf der Straße, man würde ganz klar von Verwahrlosung sprechen… Kindeswohlgefährdung, versagende Eltern. Oder der böse Friederich – der hätte schon ein langes Strafregister. Und der fliegende Robert? Der wäre nach dem Verschollenheitsgesetz für verschollen und für tot erklärt worden. Würde auch echt mal Zeit, nach 175 Jahren, denn so alt ist das Buch über den langhaarigen Jungen mit der zerzausten Mähne und seine Kumpanen. Seit je her wird das Buch als Vorlage für weitere Adaptionen genutzt – bis hin zu einer umfangreichen strafrechtlichen Analyse jeder einzelnen Geschichte, die der Jurist Jörg-Michael Günther vorgelegt hat.
Kuratorin Linda Schmitz-Kleinreesink und Presse-Volontärin Karoline Seck haben eben dieses Buch als  Basis für einen außergewöhnlichen Ausstellungsrundgang zum diesmaligen Bloggertag genommen. 

 
Bloggertag in der LUDWIGGALERIE, 2019 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen


Gern gesehene  „Stamm-Blogger“ und neue Gesichter gesellten sich am 17. November zueinander, um sich von Linda und Karo – an diesem Tag nur „euer Ehren“ genannt und ein dickes StGB schleppend, durch die Ausstellung führen zu lassen. „Was meint ihr“, fragt Linda und zeigt auf den Struwwelpeter, „was für Verstöße wurden hier begangen?“ Schnell fällt in der Runde das Stichwort „Kindeswohlgefährdung“.  Scheinbar sind sich alle einig. „Und, euer Ehren, wie ist die tatsächliche juristische Lage in dem Fall?“, richtet sich Linda dann an Karo, die in Bluse und Blazer, bewaffnet mit Hammer und StGB, nun ihr Urteil verliest. Es sei Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht nach § 175 StGB, die Haare und Nägel so lang wachsen zu lassen.

 
StGB und "Richterhammer", Utensilien für den Bloggertag © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen


Die nächste Geschichte auf dem Programm ist der Suppenkaspar. In verschiedenen Versionen begrüßt er die Besucher im ersten Ausstellungsraum: als Comic, als Gemälde und als Scherenschnitt. Jeder kennt die Geschichte vom wohlgenährten rundlichen Buben, der von jetzt auf gleich seine Suppe verweigerte, bis zum Fädchen abmagerte und am fünften Tage starb. So übertrieben schnell passiert das natürlich in Wirklichkeit nicht, aber „man muss ja immer vor Augen haben, in was für einer Zeit das Buch geschrieben wurde. Da konnte es ja auch schon passieren, dass es tagelang nur Suppe gab und manchmal war nicht gesichert, dass am nächsten Tag auch wieder eine Mahlzeit auf dem Tisch steht. Die Menschen waren nicht so übersättigt wie heute und Kinder mussten selbstverständlich essen, was auf den Tisch kommt.“ erläutert Linda. „Aber heutzutage würde der Fall definitiv anders geahndet“, fährt Karo dann fort. Die Blogger errieten zuvor schon richtig, dass theoretisch schon ein anderes Essen geholfen hätte. „Man hätte dem Kind erstmal was anderes zu Essen anbieten können!“ –  „Oder im Notfall auch zwangsernähren können oder zumindest mal einen Arzt rufen.“


Karo und Linda vor den verschiedenen Exponaten zum Suppenkaspar, 2019 © Silke König von pottleben.de

Euer Ehren macht auf eine von uns bisher unbeachtete Gesetzeslage aufmerksam: Es gibt noch weitere Verstöße, denn die Suppenterrine als Grabschmuck stellt eine Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener und Störung der Totenruhe nach § 189 und 168 StGB dar. Hinzukommt, dass Kaspar schon am Tag nach seinem Tod beerdigt wurde, was nicht legal ist.
Im ersten Obergeschoss der Ausstellung befinden sich die bunten und formatfüllenden  Werke von Atak. Paulinchen starrt, die feuerroten Haare zu einem Zopf gebunden, wie hypnotisiert in die Flamme des Streichholzes. Ihre Eltern wären höchst wahrscheinlich wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen nach § 22, 13 StGB verurteilt worden. Ins Gewicht fällt insbesondere, dass sie wussten, dass ihr Töchterlein gerne zündelt. „Ich zitiere hier die Zeugen“, verlautet Karo, „die beiden Katzen, Minz und Maunz ‚Miao Mio, der Vater hats verboten, die Mutter hats verboten!‘“.


Direkt neben der Geschichte von Paulinchen begegnen wir der wohl grausamsten Straftat des ganzen Buches: Konrad der Daumenlutscher!
In diesem Fall wäre jedoch nicht die Mutter, sondern der Schneider gehörig „verknackt“ worden – fehlt Konrad immer hin nun ein wichtiges Glied des Körpers: der opunierbare Daumen! Das ist, da der Schneider die Schere als Waffe benutzt hat, sogar gefährliche Körperverletzung.
Und jetzt muss man sich erstmal die Folgeschäden der Geschichte vorstellen in Form von traumatisierten Lesern!
Sehen wir mal von den Zeiten ab in denen Streichhölzer die neueste Erfindung waren und die Mahlzeiten recht einfältig ausfallen konnten… Es gibt Geschichten im Struwwelpeter, die immer noch einen sehr aktuellen Bezug haben und laufend Stoff für neue Adaptionen liefern. „Karl Schrader zum Beispiel entschärft die so oft kritisierte Daumenlutscher-Geschichte“, erklärt Linda, „und zeichnet stattdessen zwei Daumen, die total genervt von Dannen ziehen.“ 

 
Linda verdeutlicht den Bloggern die Bandbreite des Struwwelpeter, 2019 © Danny Giessner von Wahlheimat Ruhr

1844 erstmals von Heinrich Hoffmann als Thema in einem Bilderbuch für Kinder aufgegriffen und traurigerweise bis heute aktuell: Das Thema Rassismus. Luise Bofingers Geschichte von den bösen Buben setzt die ursprünglich unter dem Titel bekannt gewordene Geschichte von den schwarzen Buben in eine aktuelle Version um. Gewidmet ist ihre Arbeit dem Jungen Amadeu Antonio Kiowa der im Jahr 1990 Todesopfer rassistischer Gewalt wurde. Bofingers Ansatz entrückt die Geschichte aus dem Bereich des Bubenstreichs und verdeutlicht die dramatischen Folgen von Rassismus. Leser von Hoffmanns Geschichte erkennen sofort: das Delikt der Volksverhetzung ist zweifelsohne gegeben. Aber eine andere Person ist hier wesentlich öfter straffällig geworden, wobei sich streiten ließe, ob es sich hierbei um eine reale Person handelt: der Nikolaus (hier sei angemerkt: der Nikolaus ist zugleich Schutzpatron der Juristen!) auf dessen Konto Freiheitsberaubung, Sachbeschädigung (die Brezel will jetzt keiner mehr essen..), Vergiftung und gefährliche Körperverletzung durch den Einsatz von Eisengallustinte gehen. Zu evaluieren wäre hier allerdings, inwieweit ein nicht-irdisches Wesen belangt werden könne.

 
Karo und Linda vor den Exponaten von Luise Bofinger, 2019 © Anja Schmid von pottandbeyond

Im zweiten Obergeschoss begegnen die Blogger abschließend nun den Comic- und Manga-Versionen des Struwwelpeter. Matthias Kringe verwandelt, nah am Hoffmannschen Original, macht aus Luke Skywalker, Chewbacca, Darth Maul & Co. in Protagonisten einer struwweligen Star-Wars-Story. David Füleki hingegen setzt die Geschichten im Comicstil um und passt sich mit Bewegungslinien, Soundwords (KAWUMM!) und einem Wechsel von Perspektiven unseren heutigen Sehgewohnheiten an. An dieser Stelle fasst „euer Ehren“ Karo zusammen, welche weiteren Gesetze oder auch Verordnungen missachtet wurden, wie z.B. dass der fliegende Robert nach dem Verschollenheitsgesetz längst für tot hätte erklärt werden müssen oder dass Hanns Guck-in-die-Luft aufgrund seiner Unachtsamkeit gegen die StVO verstoßen hat. „Und außerdem“, fährt sie fort, „der Autor und der Verleger haben sich meines Erachtens nach der Verherrlichung von Gewalt strafbar gemacht. Diese Daumenlutscher-Geschichte – die ist viel zu brutal. Da hört für mich die Freiheit der Kunst definitiv auf – unlängst am Beispiel Jan Böhmermanns sichtbar geworden, dass man damit nicht alles rechtfertigen kann.“

„Und trotzdem“, wirft Linda ein „nun ist er ein Teil des Museums!“ Denn auch der Journalist und Satiriker Jan Böhmermann hat die Aktualität des Struwwelpeter erkannt! Mit dem Film Dr. Böhmermanns Struwwelpeter parodiert und kommentiert er die heutigen Elterngenerationen.  So kompensiert der nervöse Konrad den Leistungsdruck seiner übereifrigen Mutter, indem er am Daumen lutscht. Eingebettet in eine Nachrichten-Liveticker-Szenerie erfährt der Zuschauer, dass der Schneider ein Blutbad verrichtet hat und Konrad mit K geschrieben wird.
Den Film könnt ihr euch in unserer Ausstellung anschauen, genau wie alle anderen Werke, die wir bei unserem Bloggertag juristisch analysiert haben. Was ihr von den schaurig-schönen Geschichten rund um den Struwwelpeter haltet, dürft ihr im Anschluss gerne auf euren Blogs, Insta-Accounts, Facebook etc. veröffentlichen oder ganz analog einen Kommentar im Besucherbuch hinterlassen.
Wir freuen uns auf euer Feedback!

Wir bedanken uns bei den Bloggern, die dieses Mal mit dabei waren und für die Fotos, da Richterin Karo schwer zu schleppen hatte:


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Pottleben 
@egoedo 
@marinamarieluu & @nstakemeier
Opa Hausen