Samstag, 23. Mai 2020

Waschtag im Ruhrgebiet - Nostalgie in Wort und Bild

Eine Fotografie, wie sie nirgendwo sonst so hätte aufgenommen werden können. Es ist Waschtag im Ruhrgebiet, die Schlote rauchen und die Wäsche hängt in der Sonne zum Trocknen. Bei solcherart Umständen hilft auch kein Persil mehr, was weiße Wäsche rein wäscht…

Dieses Schwarz-Weiß-Bild von Rudolf Holtappel zeigt eine Wiese vor der Ruhrchemie in Oberhausen im Jahr 1977. Wer mit Holtappels Bildaufbau vertraut ist, erkennt, wie er die „Foto-Kulisse“ aufgebaut hat. Seine Erfahrungen, die er sich durch seine Theaterfotografie erworben hat, sieht man den Werken an. 
 
Rudolf Holtappel, Ruhrchemie, Oberhausen, 1977 © Rudolf Holtappel, Nachlass LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Als allererstes fällt der Blick auf den Bildhintergrund mit Industrieanlage und Schloten im Zentrum. Das untere Drittel des Bildes markiert der schnurgerade Horizont des Bahndamms, davor die leicht diagonal von Vordergrund bis Hintergrund sich ziehende Linie der Wäscheleine mit Hemden, Handtüchern und Geschirrtüchern. Wie lang die Leine tatsächlich ist, lässt sich nur erahnen, da als Rahmung unscharf im Vordergrund an beiden Seiten karge Äste von Bäumen ins Bild ragen. Die hellen, von der Sonne angestrahlten und in ihrer Figur weichen Handtücher bilden einen starken Kontrast zu der kantigen, vor dem Hintergrund des Himmels dunklen Industriekulisse. Durch die Äste am rechten und linken Bildrand bekommt die Fotografie zusätzliche Tiefe.

Es handelt sich um einen Silbergelatineabzug. Rudolf Holtappel hatte bei sich zu Hause ein eigenes, kleines Fotolabor und hat bis ins hohe Alter dort Abzüge hergestellt. Als erstes hat man das Negativ, welches man mit einem Vergrößerer auf ein Fotopapier projiziert. Das wird dann in das Chemiebad gelegt („Entwickler“), dann in den „Stopper“, in den „Fixierer“ und anschließend getrocknet. Man erhält ein Unikat auf Silbergelatine-Papier.


Rudolf Holtappel, Selbstporträt, o.J. © Rudolf Holtappel, Nachlass LUDWIGGALERIESchloss Oberhausen
Holtappel hielt die Geschichte und auch den Wandel in unserer Region fest. Zeitzeuge Rainer erinnert sich noch ganz genau daran. Er wuchs mit 3 Geschwistern und einem Vater auf, der unter Tage arbeitete. 

Waschtag, das war früher ein Ganztagesereignis mitten in der Woche. Wäsche draußen „an der frischen Luft“ zu trocknen, war auch nicht immer von Vorteil. Zwar trocknete sie schnell und die Sonne bleichte die hellen Wäschestücke. Aber die vielen Stahlwerke, Zechen und Kokereien, die beinahe unablässig ihren Dreck in die Luft schleuderten, sorgten auch dafür, dass sich feinste Rußteilchen auf die Wäsche setzen konnten. Und wenn man nicht darauf achtete, passierte es durchaus, dass die frischgewaschene Wäsche mit feinen winzig kleinen Rußkörnchen übersät waren. So geriet das aufwändige Wäschewaschen schnell zur Sisyphusarbeit.
Mutter zog sich ihren alten Kittel und eine Schürze an, die Haare mit einem Kopftuch gehalten und dann ging es mit Holzschuhen in die Waschküche – den ganzen Tag. Denn Waschtag war Knochenarbeit.

Schon am Abend vorher hatte die erste Lage über Nacht im Waschbottich in Soda eingeweicht und am frühen Morgen mit Kohle angefeuert für die Kochwäsche. Dadurch dampfte es teilweise dermaßen, dass man in der Waschküche kaum die Hand vor den eigenen Augen sah. Mit einem Holzknüppel hob sie dann die schwere Kochwäsche in die Waschmaschine. Die war zwar schon von Miele, aber aus Holz und hatte einen Wassermotor, der mit Leitungswasser angetrieben wurde. Das monotone Geräusch des Motors hat sich bis heute in mein Gedächtnis gebrannt. Bumm-Bumm. Bumm-Bumm.
Danach hieß es auswringen und die Wäsche noch einmal über ein Waschbrett rubbeln, eventuell auch noch mit Seife nacharbeiten. Dann kam die Wäsche in einen riesigen Steinbottich aus Waschbeton. Dort wurde sie mit dem Holzknüppel wieder und wieder umgerührt und es wurde frisches klares Wasser nachgefüllt. Das wurde so lange gemacht, bis auch das Waschwasser klar war. Zum Schluss wurde die Wäsche durch eine Mangel gedreht.

Der Wäschetrockner waren die Wäschepöle auf dem Hinterhof, schön im Karree angeordnet. Die Wäscheleine, damals noch aus Sisal, wurde kreuz und quer zwischen den Pölen gespannt. Zu jedem Waschtag immer wieder neu, denn Sisal war anfällig und verrottete im Freien schnell. Aber Pöle und Seil eigneten sich für uns Kinder auch bestens fürs Indianerspiel. Der Wäschepol wurde so schnell zum Marterpfahl.
Mutter hing die Wäsche auf. Meter für Meter, Meter für Meter. Ging es nicht auf dem Hinterhof, weil es zu kalt oder zu nass war, kam die Wäsche aus dem Keller hoch auf den Speicher zum Trocknen - drei Etagen. Und die Wäsche war noch feucht und daher auch schwer.
Vater und meine drei Geschwister gingen Mutter an diesem Tag besser aus dem Weg. Sie hätte auch gar keine Zeit für uns gehabt. Zum Essen gab es daher auch immer Eintopf vom Vortag.“