Montag, 6. Juli 2020

Holtappels Warenhausfotografie

Karstadt Hamburg-Harburg, 1989 © Rudolf Holtappel, Nachlass LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Von 1964 bis 1995 fotografiert Rudolf Holtappel Karstadtfilialen in ganz Deutschland. Sein fotografisches Spektrum reicht von einfühlsamen Momenten bis zu nüchternen Dokumentationen von Architektur. Die Fotografien zeigen Warenhausetagen, gefüllte Regale und Menschen beim Einkaufen. Wenn er beispielsweise Damen bei der Auswahl eines Hutes fotografiert, greift er dabei zu eher unüblichen Methoden, wie etwa aus einem Schrankversteck heraus zu fotografieren. So entstehen ungestellte Impressionen von Einkauf. 
Die Holtappelschen Fotografien, wie die der Damen beim Hutkauf, sind Zeitdokument und Sozialgeschichte. Das Warenhaus kann aber ebenso als gesellschaftlicher Treffpunkt gesehen werden. Kaum jemand geht  alleine einkaufen, denn Freizeitaktivitäten werden gemeinsam erlebt.

Karstadt Hutkauf, Essen, 1964 © Rudolf Holtappel, Nachlass LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Karstadt Köln, Qual der Wahl, 1964 © Rudolf Holtappel, Nachlass LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Dabei ist es nicht nur ein Ort für Erwachsene, sondern es lässt in der Spielzeugabteilung auch Kinderherzen höher schlagen. Es ist Ort der Freude oder aber möglicher Enttäuschung. Die unmittelbarste Freude ist sicherlich in Holtappels Fotografien von Kindern im Warenhaus zu erkennen. Sichtlich erleben sie es als einen großen Spielplatz. Der Ehrgeiz, Sonderangebote zu ergattern, ist in den Gesichtern der Menschen zu sehen, die bei Filialeröffnungen in die Märkte stürmen. Holtappels fotografische Beobachtungen können dabei aus nächster Nähe aufgenommen sein oder von einer erhöhten Position aus der Ferne.

Karstadt Hamburg, 1974 © Rudolf Holtappel, Nachlass LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

In Holtappels Fotografie nimmt die, sicher nach warenästhetischen und verkaufsfördernden Gesichtspunkten ausgeführte Dekoration des Kaufhauses einen wichtigen Stellenwert ein. Durch sie werden Jahreszeiten angezeigt oder Unterhaltung für Kundinnen und Kunden geboten. Dekorateure gestalten die zum Teil aufwändig gestalteten Schaufenster, die als Informations- und Neuigkeitenportale dienten. Diese Flächen sind gleichermaßen Repräsentanz und Werbefläche für das Kaufhaus und sollen Kundinnen und Kunden inspirieren,  ins Kaufhaus zu kommen. Schaufensterpuppen „tragen“ die neuste Mode und wirken in Holtappels Fotografien auffallend realistisch, nahezu menschlich. 

Karstadt, Fa. Böker, Essen, 1984 © Rudolf Holtappel, Nachlass LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Die Außendarstellung der Kaufhäuser ist nicht nur durch Schaufenster kommuniziert, sondern auch durch ihren Architekturstil und die häufig auf Effekt ausgerichtete Gestaltung ihrer Fassaden. Oft prägen sie das Bild der Innenstadt: wie etwa der Turmbau der Karstadt-Filiale in Essen, der 2008 gesprengt wurde.

Karstadt Limbecker Platz, Essen, 1992 © Rudolf Holtappel, Nachlass LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Holtappel fotografiert auch im Ausland. Das Thema des Warenhauses und dessen Architektur begleitet ihn auch auf Reisen. Er besucht die Galeries Lafayette in Paris, das mit über 60.000 qm² als größtes Kaufhaus der westlichen Welt gilt, sowie das Selfridges in London. Diese Nobelwarenhäuser sind heute Sehenswürdigkeiten mit Kultstatus. Die Touristen können sich wie Audrey Hepburn beim „Breakfast at Tiffany’s“ fühlen oder die Rolle von Mr. Selfridges in der gleichnamigen Serie einnehmen.

Rudolf Holtappel, Marktstraße, Oberhausen, 1971 © Rudolf Holtappel, Nachlass LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Ein Blick in die Geschichte der Warenhäuser ist immer auch ein Blick in die Stadtgeschichte und deren Entwicklung. Nicht nur die Innenraumfotografien von Warenhäusern, sondern ebenfalls die Einkaufsstraßen, die das Stadtbild zeichnen, sind von Bedeutung. Holtappel dokumentiert mit seinen Fotografien den Prozess der städtebaulichen Veränderungen in den Innenstädten, gut zu sehen anhand seiner Aufnahmen von der Oberhausener Marktstraße, deren Wandel er seit den 1950er Jahren bis in die 2000er fotografisch festhält. Die Einkaufsstraße ist ein Treffpunkt von Kulturen und gesellschaftlichen Schichten,  wie es das Bild aus den 1970er Jahren zeigt.
MH
Auf annähernd der gesamten zweiten Etage der LUDWIGGALERIE sind die Warenhausfotografien von Rudolf Holtappel zu sehen. Die Ausstellung ist bis zum 6. September zu sehen.