Mittwoch, 26. Februar 2020

Karikaturen in 3D und XXL, Teil II: Das Interview


26. Februar, Aschermittwoch 2020 – Die Ausstellung läuft seit etwas über drei Wochen, das Karnevalswochenende ist vorbei und die „Ausstellung auf Rädern“ durch Düsseldorf gefahren. Gefühlt die halbe Welt hat auf Tillys Wagen geschaut, die ersten internationalen Reaktionen der Presse, z.B. aus England ließen nicht auf sich warten. Und schon gab es Anfragen, den Brexit-Wagen auf die Insel zu schicken

Für unsere kleine Serie hat Volontärin Karoline Seck mit Jacques Tilly ein Interview geführt. Dieses Mal drehen sich die Fragen um das Materielle.

Karoline Seck: Jacques, würdest du mir erklären, wie der Prozess abläuft, von der Idee, dem Zeichnen, dem Entwurf bis letztendlich zur großen Karikatur?

Jacques Tilly: Am Anfang steht die Idee, das ist natürlich das Wichtigste und auch das Schwierigste. Da muss ich mich wirklich quälen, denn die Ideen kommen nicht von selbst. Die fallen einem nicht zu, sondern man muss sie wirklich suchen, mühevoll. Ich entwerfe ungefähr 50, 60 Variationen zu einem Thema, aber die sind alle durchschnittlich, alle schlecht und ich leide natürlich sehr darunter, wenn die nicht gut genug sind. Da bin ich auch sehr schweigsam in diesen Tagen, meine Familie kennt das schon. Ich bin kaum ansprechbar, brüte über Ideen.

Verworfene Entwürfe zum Thema "Brexit" von Jacques Tilly in der Ausstellung, 2020 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Und irgendwann, hoffentlich, kommt dann doch ein erlösender Funke, wenn zwei schlechte Ideen miteinander kombiniert werden und eine gute bilden beispielsweise. Aber das kann man nicht vorher sagen. Das ist ein quälender Prozess auf den man sich einlässt, unter hohem Zeitdruck, das ist schon sehr schwer.
Wenn die Idee dann da ist, dann zeichne ich sie in Farbe und zeige sie erst einmal meiner Familie, ob überhaupt jemand die Idee versteht. Man ist ja manchmal betriebsblind. Dann zeige ich sie meinem Team. Danach entscheidet das Karnevalskomitee, ob der Wagen gebaut wird oder nicht.
Wenn er dann gebaut wird, mache ich eine Bauzeichnung des Wagens.

Bauzeichnung zu "Greta" von Jacques Tilly in der Ausstellung, 2020 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Die ist maßstabsgetreu, damit mein Team den Wagen auch bauen kann. Meistens baue ich aber das Holzgerüst, denn das ist immer der Kern einer Figur: ein Dachlatten-Holzgerüst innen, sozusagen der Knochenbau der Plastik. Darauf kommt dann die Maschendrahtgestaltung. Da wird Kaninchendraht gebogen, um die Formen zu erbringen.

Jacques Tilly in seiner Wagenbauhalle beim Biegen des Kaninchendrahts, 2019 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Es wird portraitiert, Merkel oder Trump, oder der Papst, wer auch immer. Darauf kommt dann eine dünne Schicht Papier, aber das machen dann immer wieder andere Leute. Die einen drahten, die anderen kaschieren und dann zum Schluss kommt natürlich die Bemalung durch die Maler. Fertig ist der Rosenmontagswagen!

Farbeimer und Pinsel in Tillys Halle, 2019 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Karoline Seck: Physik hast du ja nicht studiert - wie hast du gelernt, wie lang die Latten sein müssen, damit alles hält? Das stellte ich mir statisch doch schon ziemlich schwierig vor.

Jacques Tilly: Man muss natürlich schon Vorstellungvermögen haben, man muss dreidimensional denken können, man muss ein Gefühl für Stabilität haben. Es darf an Rosenmontag nichts passieren, die Figuren dürfen nicht in die Menschen stürzen oder bei jedem Windhauch sofort umkippen. Darauf muss ich schon sehr achten, dass wir Sicherheitsbestimmungen einhalten. Aber ich denke, das Wichtigste ist, dass man räumlich und dreidimensional  denken kann. 
In Geometrie war ich gut, ansonsten war Mathematik eher mau. Aber in Geometrie hatte ich immer eine 1! Deshalb kann ich mich darauf verlassen, dass ich da doch ein einigermaßen gutes Gefühl habe, was Räumlichkeit angeht.

Jacques Tilly in seiner Wagenbauhalle an einem Gerüst aus Dachlatten und Draht, 2019 © LUDWIGGALERIE SChloss Oberhausen

Deshalb baue ich auch die Gerüste. Das kann ich am schnellsten, denn ich habe die Figur im Kopf und kann sie schnell realisieren. Wenn mein Team die Holzgerüste baut, müssen sie viel zu lange nachdenken und ich mache das mal eben schnell. Aber ab dann übernimmt mein Team. Ich drahte kaum noch selber, das heißt ich bildhauere kaum noch, manchmal noch bei Portraits. Das macht alles inzwischen mein Team.

Karoline Seck: Stichwort Materialien: In Düsseldorf habt ihr eine spezielle Technik. Was ist der Unterschied zu den Wagen in beispielsweise Köln oder Mainz?

Jacques Tilly: In Düsseldorf haben wir eine Leichtbauweise. Wir verzichten möglichst auf Material, ummanteln nur die Luft mit dünnem Maschendraht. Darauf kommt nur eine dünne Schicht Papier, ganz dünnes Blumenpapier, das in Leim getunkt wird. Da fährt fast nichts durch die Straßen, ein „Hauch von Nichts“ könnte man sagen. In Mainz bestehen die Figuren aus Styropor, das ist eine ganz andere Technik. Da muss abgenommen werden vom Styroporblock, man arbeitet also subtraktiv, während wir auftragen. Wie mit Ton, da arbeitet man auch auftragend, additiv. Das ist eine ganz andere bildhauerische Herangehensweise. Aber ich arbeite ungern mit Styropor, weil das sehr viel länger dauert und weil das Styropor natürlich eine Umweltsauerei ist. Man hat 1000 Säcke Müll, die irgendwer entsorgen muss und hat überall diese Krümel. Deshalb finde ich unsere Technik schon klasse.
Eimer und Bottiche zum Anrühren der speziellen Leim-Mischung, 2019 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Das Schöne an unserer Technik ist auch, dass man sie leicht jemandem zeigen kann. Darum gebe ich auch Workshops. Vor vielen, vielen Jahren habe ich eine Wagenbauschule - die einzige Wagenbauschule Deutschlands - aufgemacht. Die Leute kommen aus ganz Deutschland, zum Teil auch aus den herumliegenden Ländern, um zu lernen, wie man in dieser Leichtbauweise im Nu Großplastiken in die Welt hauchen kann.