Donnerstag, 8. August 2019

„Risse im Stein“ - Ein Interview mit Lisa Kleinholz


Lisa Kleinholz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gedenkhalle Oberhausen. © LUDWIGGALERIE



Wofür steht die die Gedenkhalle Oberhausen?
Die Gedenkhalle Oberhausen ist der zentrale städtische Ort des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Sie wurde 1962 als erste westdeutsche Gedenkstätte eröffnet. Ergänzt wird sie durch das Denkmal Die Trauernde von Willy Meller, das sich vor der Gedenkhalle befindet. 2010 eröffnete die Dauerausstellung. Sie befasst sich mit der Geschichte der Stadt und der Zwangsarbeit in Oberhausen während der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945). Die Ausstellung und die Gedenkhalle dienen dem Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus und den Schrecken jener Zeit, zeichnen die Strukturen und die Verführungskraft des Regimes auf und verstehen sich so als Möglichkeit, die Wiederholung einer solchen Katastrophe zu verhindern. 


Wie kam es zur Wechselausstellung und dem Titel „Risse im Stein“?
Die Wechselausstellung „Risse im Stein“, die vom 18.06–15.12.2019 in der Gedenkhalle zu sehen ist, stellt Die Trauernde, ein zentrales Denkmal an die Opfer des Zweiten Weltkriegs, in den Fokus. Die Trauernde dient der Stadt als offizieller Gedenkort; zum Beispiel am Volkstrauertag. Diese Gedenktradition hat jedoch mit der Zeit „Risse“ bekommen. Kritische Stimmen merken an, dass der Erschaffer des Denkmals, Willy Meller, in den Nationalsozialismus verstrickt war und auch, dass das Opferverständnis des Werkes unzureichend sei. Die Wechselausstellung macht sich auf die Suche nach diesen „Rissen“ im Oberhausener Gedenken – mit Willy Meller und der Trauernden im Fokus.  


Die Trauernde vor der Gedenkhalle © LUDWIGGALERIE


 




















Seit wann befindet sich das zentrale Denkmal an diesem Standort?
Die Trauernde wurde am 2. September 1962 im Zuge des 100jährigen Stadtjubiläums gemeinsam mit der Gedenkhalle Oberhausen eingeweiht.

Warum entschied man sich für Die Trauernde?
Der sogenannte Saalbauausschuss, der mit der Organisation rund um die Schaffung eines zentralen Denkmals für die Opfer des Nationalsozialismus beauftragt war, schrieb einen Wettbewerb für das Denkmal aus. 43 Vorschläge wurden eingereicht und ein Preisgericht, zusammengesetzt unter anderem aus der damaligen Oberhausener Oberbürgermeisterin Luise Albertz, dem Oberstadtdirektor Peterssen und verschiedenen Künstlern wie Ewald Mataré, prämierten die Entwürfe. Sie vergaben keinen ersten Platz. Den zweiten Platz erhielt der Entwurf einer Dornenkrone von Julius Vietmann und Rudolf Skribbe. Warum dieser Entwurf nicht verwirklicht wurde, ist heute nicht mehr exakt nachzuvollziehen. Man vermutet Differenzen bezüglich der Größe und des Materials des Denkmals. Schlussendlich einigte sich der Ausschuss auf den Entwurf von Willy Meller, der den vierten Platz erreicht hatte. Von seiner künstlerischen Erfahrung erhoffte man sich eine reibungslose Umsetzung des Entwurfs.

Wer war Willy Meller?

Willy Meller (1887–1974), der mit vollständigem Namen Jakob Wilhelm Meller hieß, war ein Kölner Künstler, dessen Leben vor dem Hintergrund vier verschiedener politischer Regime zu sehen und zu verstehen ist. Während des Kaiserreichs absolvierte Meller eine Ausbildung zum Bildhauer in Köln und München. In der Weimarer Republik sammelte er erste Berufserfahrungen und während des Nationalsozialismus erlebte er seine künstlerische Blüte. Nach 1945 konnte Meller nicht an diese Erfolge anknüpfen, erhielt jedoch immer noch ausreichend Aufträge um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Er lebte bis zu seinem Tod 1974 in Rodenkirchen-Weiß bei Köln und war zweimal verheiratet. 



Eine Besucherin steht vor der Infotafel über Willy Mellers Biografie. © LUDWIGGALERIE

Wie positioniert sich Meller politisch in der Zeit des Nationalsozialismus?
Meller äußerte sich weder während, noch nach der Zeit des Nationalsozialismus deutlich zu seiner eigenen Positionierung. Seine Taten sprechen jedoch für sich. Meller trat 1937 in die NSDAP ein. Unterstützt von seinem Jugendfreund Clemens Klotz, dem Architekten der Reichsleitung für die Errichtung der Schulungsbauten der NSDAP und der DAF, erhielt Meller zwischen 1933 und 1945 zahlreiche offizielle Aufträge. Zu seinen bekanntesten Arbeiten aus dieser Zeit zählen sicherlich der sogenannte Fackelträger, den er für die nationalsozialistische Ordensburg Vogelsang schuf, und seine Arbeiten für das Olympiastadion in Berlin wie zum Beispiel die Deutsche Nike. Meller profitierte also künstlerisch vom NS-Regime. Dies wird umso deutlicher, als dass er am 20. April 1939, Adolf Hitlers 50. Geburtstag, zum Professor ernannt wurde. Zudem stand Meller auf der sogenannten „Gottbegnadeten-Liste.“ Die 1041 Künstler auf dieser 1944 erstellten Liste galten als so wichtig für das Regime, dass sie vom Kriegsdienst befreit wurden. Nach Kriegsende wurde er, bedingt durch „Persilscheine“, die ihm Freunde und Bekannte ausstellten, von den Alliierten nur als „Mitläufer“ eingestuft. Er beschwerte sich jedoch mehrfach über die schlechtere Auftragslage nach 1945 und schrieb in einem Brief, dass ihm die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus „zum Halse raushinge“. Bereitschaft zur Aufarbeitung des Regimes und seiner Verbrechen sieht sicherlich anders aus. 


Galt Die Trauernde den jüdischen Opfern oder den Opfern des Zweiten Weltkrieges?
Willy Mellers Trauernde lehnt sich an die christliche Darstellung der trauernden Maria um ihren toten Sohn Jesus, einer sogenannten Pietà, an. Sie ist deswegen als trauernde Mutter um ihren im Krieg gefallenen Sohn zu deuten. Hier war es sicherlich Mellers Intention, die deutschen Kriegsopfer, vor allem die gefallenen deutschen Soldaten, miteinzubeziehen. Selbst wenn man die Darstellung großzügig als trauernde Mutter um ihr Kind im Allgemeinen deutet, stellt sich die Frage, ob diese christliche Darstellungsweise nicht die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus ausschließt. Das Denkmal sollte als Erinnerungsort für die Opfer des Nationalsozialismus im Allgemeinen dienen, den Opfern „der Kriege, der Unfreiheit und der Vertreibung“, wie die Tafel vor der Trauernden aussagt. Ob Mellers Darstellung diese Kriterien erfüllt, darf aus heutiger Perspektive zumindest angezweifelt werden.

Wie hat sich die Kultur des Gedenkens in Oberhausen entwickelt?
Die Stadt Oberhausen schuf 1962 mit der Gedenkhalle die erste westdeutsche Gedenkstätte an die Opfer des Nationalsozialismus und etablierte damit sehr früh ein öffentliches Gedenken. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und bis in die 1970er Jahre hinein, war das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus jedoch immer an das Gedenken an die deutschen Opfer des Weltkrieges gedacht – gefallener Soldaten zusammen mit sechs Millionen ermordeter Juden. Dieses Gedenken war untrennbar miteinander verbunden. Dies änderte sich in den 1970er Jahren. Es entwickelte sich eine kritische und differenzierte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und vor allem der Shoa. In den 1980er Jahren wurden das Regime und seine Verbrechen zu einem zentralen Bezugspunkt der deutschen Politik und Erinnerungskultur. In den 1990er Jahren differenzierte sich das Opfergedenken weiter aus, sodass nun auch Mahnmale für die ermordeten Sinti und Roma, die Euthanasie-Opfer oder Homosexuelle errichtet wurden. 



Die Ausstellung bietet auch interaktive Informationsmöglichkeiten. © LUDWIGGALERIE

Warum jetzt diese Ausstellung?
Wie schon erwähnt, wurde die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zu einem zentralen Bezugspunkt der deutschen Politik und Erinnerungskultur. Dieser Bezugspunkt muss sich heute neuen Herausforderungen stellen. Das Rechtsaußenspektrum fordert eine erinnerungspolitische Wende. Politik und Gesellschaft sollten, so die Meinung führender rechter Politiker, unter die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen einen Schlussstrich ziehen und künftig nur die deutsche Nationalgeschichte glorifizieren. Vor diesem Hintergrund erschien es uns besonders wichtig, mit unserer Ausstellung auf die Geschichte und die Bedeutung des Erinnerns in Deutschland aufmerksam zu machen.

Wie positionieren sich heute die Bürger Oberhausens zu diesem Denkmal?
Auch heute noch gibt es zwiespältige Meinungen über Die Trauernde. Einige Oberhausener fordern, dass aufgrund von Mellers Vergangenheit keine Gedenkveranstaltungen dort mehr stattfinden sollen. Andere halten Mellers Werk für unkritischer und plädieren für einen Fortbestand der Tradition. Um das Meinungsbild der Oberhausener besser erfassen zu können, kann sich in der aktuellen Ausstellung mithilfe einer Online-Station über das Gedenken in Oberhausen und mögliche Verbesserungen geäußert werden. Die Besucher können ihre Meinung eingeben. Die Ergebnisse werden anonym ausgewertet.

Die Fragen an Lisa Kleinholz, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkhalle Oberhausen, stellte Dagmar Winkler, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen.


Dienstag, 9. Juli 2019

LUDWIGGALERIE verleiht Fotopreis

Es ist schon fast eine Tradition, dass wir zu unseren Ausstellungen Wettbewerbe ausschreiben. Zu HOLLYWOOD ICONS war es, wie sollte es auch anders sein, ein Fotowettbewerb.

„Zu Beginn der Vorbereitungen hatten meine Kollegen und ich überlegt, welches Thema wir einem Wettbewerb zu HOLLYWOOD ICONS geben sollten“, erklärt Jennifer Liß, Kuratorin der Ausstellung. „Wir hätten natürlich einen Glamour-Wettbewerb ausrufen können. Wir hätten das alte Hollywood heraufbeschwören und hier Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen können.“

Aber da die Fotografien zu ihrer Zeit am Nabel des Geschehens waren, sollten die Bilder des Wettbewerbs dieses Kriterium auch erfüllen. Daher sollten es auch Farbaufnahmen sein und nicht wie damals üblich, in Graustufen, um so auch einen Kontrast zur Ausstellung herzustellen.
„HOLLYWOOD ICONS beschäftigt sich abseits der Standfotografien immer wieder auch mit dem Alltag in Hollywood“, erläutert Liß weiter. „Wie wird ein Star gemacht? Wie entsteht ein Image? Was war für die Schauspieler Alltag? Bei Ihnen mögen es das Training, die Maske oder die Aufnahmen am Set sein.“

Somit sollte die große Frage rund um den Wettbewerb lauten: Wie sieht das Set EURES Lebens aus? Rituale, Alltag, gekonnt in Szene gesetzt. MovME – Dein Alltag im Rampenlicht!

Eröffnung der Wettbewerbsausstellung MovME, Hollywood Icons, 2019 © LUDWIGGALERIE
 
Die Jury bestand aus Jennifer Liß, Fotodesigner Axel Scherer und unserer ehemaligen Volontärin und Kunsthistorikerin Natascha Kurek, die auch den Wettbewerb organisiert hat. Neben vielen Einzeleinreichungen aus Oberhausen und Umgebung haben auch drei Schulklassen des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums aus Hilden, der Städtischen Gesamtschule Duisburg-Mitte und des Max-Born-Berufskolleg aus Recklinghausen teilgenommen. Unser Wettbewerb ging also weit über Oberhausens Stadtgrenzen hinaus. „Somit gab es mehrere Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die gerade erst das Mindestalter von 16 Jahren erreicht haben“, lobt Natascha Kurek den Einsatz der Jugendlichen. „Hingegen ist der älteste Teilnehmer 74 Jahre alt. Eine ziemlich durchwachsene Bandbreite also.“
Die drei Jurymitglieder haben sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, aus den über 70 Einsendungen eine Auswahl zu treffen und daraus dann wiederum die Preisträger zu ermitteln.

Fotodesigner Axel Scherer, 2019 © LUDWIGGALERIE
„Es hat uns sehr gefreut, zu sehen, wie beliebt der Wettbewerb ist“, führt Axel Scherer aus. „die hier ausgestellten Fotos sollten nicht nur einfach schön sein, sondern eine Geschichte erzählen. Sie sollten über die reine Optik hinausgehen und euren Alltag zeigen.“ 

And the winner is…

Den dritten Preis erhielt Nicoletta Poungias (25) für ihre Arbeit „täglich gießt das Murmeltier“.
"täglich gießt das Murmeltier", 2019 © Nicoletta Poungias
Jennifer Liß: „Besonders an diesem Beitrag ist, wie die alltägliche Handlung in eine beinahe abstrakte Form gebracht wird. Die Anordnung der Objekte wird ornamental und die darin verborgene Handlung bleibt eine Randerscheinung. Durch das Spiel von Licht und Schatten wird diese Form noch unterstrichen. Die kreative Perspektive auf Alltägliches ist hier perfekt wiedergegeben. Abweichend vom normalen Blickwinkel, der die Handlung zentral in den Fokus rückt, wird hier vielmehr mit ästhetischen Mitteln gearbeitet als mit einfacher Darstellung der Tätigkeit.“


Die Entscheidung für den Zweitplatzierten Frank Markus Fürst (54) mit seinem Foto „Rasur“ formuliert Axel Scherer:
"Rasur", 2019 © Frank Markus Fürst
„Es ist ein Foto, welches seine Geschichte erzählt. Es handelt sich um ein alltägliches Ritual: das Rasieren des Kopfes. In Zeiten von Instagram erzählen Bilder aus dem Alltag meist eine geschönte Geschichte, dieses hier ist einfach nur ehrlich. Es ist keine beschönigte Darstellung, sondern eine Notwendigkeit. Diese ist über Bildausschnitt und die Spiegelung gut in Szene gesetzt. Der Fokus ist auf dem Gesicht, sodass die eigentliche Tätigkeit im Augenwinkel sichtbar wird.“
Frank Markus Fürst freute sich sehr: „Das war mein erster Fotowettbewerb und das erste Mal, dass ich ein Selbstporträt gemacht habe. Ich fühle mich großartig.“


Der 1. Preis des Fotowettbewerbs der LUDWIGGALERIE ging dieses Mal an Leon Mrowitzki (18). 
"Leerer Schrank", 2019 © Leon Mrowitzki
Natascha Kurek erklärt, wieso:
„Das hier dargestellte Alltagsritual kennt wohl jeder von uns. Nach einer erfrischenden Dusche sieht der Morgen schon ganz anders aus. Aber bevor man sich auf den Weg zur Arbeit oder zur Schule begibt, erwartet uns noch eine klitzekleine Alltagshürde: Obwohl der Kleiderschrank proppenvoll ist, haben wir doch trotzdem das Gefühl, nichts zum Anziehen zu haben.
Die Gewinnerarbeit von Leon überzeugte uns durch ein geschicktes Flächen-Arrangement. Um genauer zu sein ist es ihm gelungen, mit einer monochromen Fläche eine absolute Tiefenillusion zu erschaffen, wodurch fast schon eine surreale Szenerie entsteht.“

Wir gratulieren den Preisträgern für ihre gelungenen Arbeiten und freuen uns über die große Teilnahme an unserem Wettbewerb.
Die ausgestellten Werke sind, so wie die Ausstellung HOLLYWOOD ICONS selbst, bis Mitte September zu sehen.

Eröffnung der Wettbewerbs-Ausstellung MovME, Hollywood Icons, 2019, © LUDWIGGALERIE

Montag, 29. April 2019

Schüler führen Schüler durch BRITISH POP ART

Für die aktuelle Ausstellung BRITISH POP ART – Meisterwerke massenhaft aus der Sammlung Heinz Beck. Special Guest: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band übernahm Jennifer Liß die Leitung des Schulprojektes Schüler führen Schüler. In ihrem Blogartikel gibt sie uns Einblick in den mehrwöchigen Projektverlauf:

Selbstbewusst sitzen die acht Schüler*innen des Elsa-Brändström-Gymnasiums im Lesecafé der LUDWIGGALERIE und diskutieren bei heißer Schokolade und Latte Macchiato über die letzte Runde von Schüler führen Schüler. Die Neuntklässler*innen haben sich neun Wochen lang auf ihre Führungen durch die aktuelle Ausstellung British Pop Art vorbereitet. Nun ist die letzte Führung vorbei und das Heißgetränk die wohlverdiente Belohnung.

Bereits seit Januar trafen wir uns einmal pro Woche im Museum, um die anstehenden Führungen vorzubereiten. Ein großer Vorteil dieser Gruppe: Sie waren eh schon halbe Profis! Bis auf Amélie, haben alle bereits Schulklassen durch die letzte Ausstellung Die Geste begleitet. Das Prozedere kennen sie also schon. Und Amélie wird einfach mitgenommen und bekommt die Tipps direkt von den Freunden aus der Klasse. Wofür bin ich dann eigentlich noch da?


Ach ja, natürlich brauchten die Schüler*innen erst einmal selbst einen Überblick. Beim ersten Treffen ging ich mit der Gruppe durch die gerade eröffnete Werkschau. Möglichst viele Werke vorstellen. Die Thematik erläutern. Sich zurechtfinden. Zumindest bei diesem ersten Rundgang waren die Schüler*innen noch relativ still. Das änderte sich aber schon in der darauffolgenden Woche.

Aufgeteilt in drei Gruppen, in denen später auch die Führungen stattfinden sollten, hieß es nun „selbst erkunden!“. Welche Werke sind interessant? Was soll später gezeigt werden? Klar sollten die Hauptthemen der Ausstellung abgedeckt sein, aber an sich war die Werkauswahl komplett frei. Und so fiel auch die Auswahl der drei Trupps sehr unterschiedlich aus. Während Laura und Antonia Robin Pages Insel integrierten, nahmen Jason, Japheth und Tijana lieber sein Werk Handshake mit auf. Hingegen entschieden sich Michelle, Leonie und Amélie für Joe Tilsons Four Elements, das die anderen gänzlich unbeachtet ließen.

Nun ging es an die Ausarbeitung der Inhalte! Bewaffnet mit Ausstellungskatalog, Audioguide, den Schildern in der Ausstellung und natürlich dem Internet, begaben sich die Schüler*innen selbstständig auf die Suche nach Informationen. Als dann die Termine für die Führungen irgendwann feststanden, musste noch fleißig geübt werden.


Erste Probeführungen vor den eigenen Leuten: sich der Kritik stellen, Fehler ausmerzen. Später dann Generalprobe vor der eigenen Familie oder auch schon vor kurzerhand angefragten Museumsbesuchern. Vieles hatten sich die Kids bereits in der letzten Runde Schüler führen Schüler angeeignet. Richtig zu stehen, deutlich zu sprechen oder sich nicht vor das Werk zu stellen, das man gerade behandelt – solche Anfängertipps musste ich gar nicht mehr geben. Doch was war nochmal ein Siebdruck? Was hat es mit Auflagen auf sich? Und wie hieß noch der Entwickler der Benday Dots? [Anmerkung: Er hieß Ben Day J] Diese Fragen klärten wir immer wieder, damit in den Führungen auf jede mögliche Frage eine Antwort vorläge, sofern das überhaupt möglich ist.

Anfang April war es dann soweit. Zwei Grundschulklassen, eine siebte und eine elfte Klasse ließen sich von den Schülerinnen und Schülern des Elsa-Brändström-Gymnasiums durch die Ausstellung führen. Besonders die Grundschulklassen bereiteten ihnen großen Spaß: „Die Führungen waren dann gut, wenn alle ernsthaft mitgemacht haben“, meint Antonia im Nachhinein. Und die Viertklässler stellten eben viele Fragen und waren hoch konzentriert bei der Sache. Wer am Ende mehr von dem Projekt mitgenommen hat – die angelernten Museumspädagogen oder die geführten Schulklassen –, lässt sich schlecht sagen. Spaß gemacht hat es beiden Seiten. Und die Lehrer, die mit ihren Klassen ins Museum kamen, stellten auch immer wieder fest: „Es ist doch etwas anderes, wenn die Kinder von Jugendlichen geführt werden. Das sollte man viel öfter machen!“


Erst im Herbst gibt es eine neue Runde Schüler führen Schüler. Dann werden sich wieder neue Freiwillige der neunten Klasse auf die Ausstellung „Der Struwwelpeter. Zappel-Philipp, Paulinchen und Hanns Guck-in-die-Luft zwischen Faszination und Kinderschreck von 1844 bis heute“ vorbereiten. Und hoffentlich wieder viele interessierte Klassen durch die Ausstellung begleiten.

Autorin: Jennifer Liß

Besucherrekord, Beatles und bunte Pop Art – Präsentation der LUDWIG CHARTS bewegt mehrere Generationen


„Das hier ist John Lennon. Der wurde erschossen. Warum, weiß ich leider nicht mehr“, sagt Melanie selbstbewusst und pragmatisch. Dabei deutet die Grundschülerin der Oberhausener Falkensteinschule mit einer ausladenden Geste auf das Portrait des ehemaligen Beatles-Sängers.
Die Menschenmenge vor den Bildern ist fast so bunt wie die Siebdrucke und Fotografien selbst. Es ist großer Präsentations- und Abschlusstag der LUDWIG CHARTS im Schloss Oberhausen. Über viele Wochen haben die zwölf Viertklässler die LUDWIGGALERIE und die aktuelle Ausstellung BRITISH POP ART – Meisterwerke massenhaft aus der Sammlung Heinz Beck erkundet und sich gemeinsam auf ihre TOP 10 aus allen Werken geeinigt. Zusammen mit einem Team aus Museums- und Medienpädagogen haben sie nicht nur massenhaft Wissen über Pop Art angehäuft, sondern in Körper- und Sprechtrainings auch erfahren, wie großartig es sein kann, vor anderen Menschen frei über Kunst zu reden und die ganz eigenen Eindrücke zu schildern. 

Melanie ist von den Portraits der Beatles begeistert
Doch bei der enormen Menge an Zuschauern, die heute gekommen ist, flattern dem ein oder anderen dann doch die Nerven. „Ich kann es kaum fassen, dass so viele Leute hier sind“, freut sich Ursula Bendorf-Depenbrock, eine der Projektleiterinnen. Sie strahlt und flitzt zwischen den Besuchern hin und her. „Wir haben ja immer ein volles Haus bei den Präsentationen – aber dieses Mal ist es ein Rekord. Man kommt ja kaum noch durch die Tür!“
Eltern tragen jüngere Geschwister der Teilnehmer auf den Schultern, die Kameras klicken und niemand verlässt den Raum, bis auch das letzte Bild vorgestellt ist.
„Die Fotos von den Beatles haben wir uns ausgesucht, weil sie so schön alt aussehen“, erklärt Melanie weiter. Leises Gelächter beim nicht mehr ganz so jungen Semester im Publikum.
„Da drüben hängt das Weiße Album“, raunt ein Herr seinem Bekannten zu. „Daran erinnere ich mich noch gut. Das war damals was!“
Viel Andrang bei der Präsentation der LUDWIG CHARTS

Es ist ein explosives und kreatives Zusammentreffen verschiedener Generationen, vereint durch den gemeinsamen Blick auf die Highlights der britischen Pop Art.
„Das Foto hier ist schwarz-weiß. Es sieht aus wie aus einer Fernsehserie von damals!“, erklärt eine der Schülerinnen ihr Lieblingsbild, das aus den 1970er Jahren stammt.
„Warum ist das denn schwarz-weiß und nicht bunt?“, tönt es aus der Menge.
Die Truppe der LUDWIG CHARTS-Kinder überlegt. „Vielleicht hat der Künstler es ja im Fernsehen gesehen und abgeguckt. Da war doch alles schwarz-weiß!“, ruft Nele dann. Wieder fröhliche Belustigung im Publikum.
Am meisten sind die Schülerinnern und Schüler von Farben und Formen beeindruckt.
„Schaut mal, das ist so schön pink – wie eine Schneekugel“, zeigt sich Melanie begeistert, während sie auf das Werk „Out of Focus Objects and Flowers“ von Colin Self deutet. Dann geht sie ins Detail: „Also nicht nur Pink. Wir haben hier auch noch Rosa, Lila und Magenta!“ Natürlich!

Pink, Lila und Magenta – es gibt viel zu entdecken in den Bildern
 „Es ist wahnsinnig toll, was die Kinder alles hier im Museum wahrnehmen“, findet Sabine Falkenbach, die die LUDWIG CHARTS mit Ursula Bendorf-Depenbrock gemeinsam leitet. „Wir sind selbst immer wieder überrascht und sehen Dinge, die wir noch überhaupt nicht entdeckt haben.“
Und so zieht nicht nur die Kunst die Aufmerksamkeit der jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf sich, sondern auch das Schloss Oberhausen selbst. Schließlich ist die knallig-rote Fassade mit dem gläsernen Anbau ein echter Hingucker.
„Wir haben Postkarten über die LUDWIGGALERIE gestaltet“, sagt Renata stolz. An der Wand lehnt eine ganze Reihe leuchtend pinker Karten, die das Schloss in jeglicher fantastischen Form zeigen. Eben ganz so, wie jeder es für sich sieht.
„Außerdem waren wir mit einer Polaroid-Kamera draußen, rund um das Museum! Da haben wir richtig tolle Dinge gesehen, wie eine schwebende Brücke oder Schnee und Tiere!“

Bunte Postkarten vom Schloss
Die LUDWIG CHARTS erhalten noch bis Ende 2019 die volle Förderung durch den Deutschen Museumsbund. Dieser führt das Projekt im Rahmen des Programms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung durch. Es hilft besonders jungen Menschen aus eher bildungsfernen Milieus, einen spielerischen und kreativen Zugang zu Kultur zu erhalten. Ganz ohne erhobenen Zeigefinger.
„Und wenn ich jetzt sehe, wie enthusiastisch die Kinder sind, wie sie die Leute mitreißen und das Museum lebendig gestalten, weiß ich, dass wir den richtigen Weg gegangen sind, junge Menschen für Kunst zu begeistern!“
Die Polaroids, Karten und den Film zum Projekt finden Besucher noch bis zum Ende der Ausstellung am 12. Mai in den Räumen der Museumspädagogik im Obergeschoss der LUDWIGGALERIE.

Das Format LUDWIG CHARTS mit der Erstellung der eigenen TOP TEN ist auch Bestandteil des buchbaren museumspädagogischen Angebots für andere Schulen und Klassen jeden Alters. Unter https://www.ludwiggalerie.de/de/paedagogik/ludwig-charts erhalten Interessierte weitere Informationen.

Alle Teilnehmer im Portrait




Autorin: Sarah Bauer