Sonntag, 27. Dezember 2020

Corona-Tagebuch der LUDWIGGALERIE: der etwas andere Jahresrückblick

Das Jahr 2020 in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Tagebuch-Notizen
 
Wenn man uns fragt, wie das Jahr 2020 war, dann kommen Antworten wie: 
Surreal, anstrengend, herausfordernd, verrückt …

Sicherlich ging es beinahe allen Menschen in Oberhausen, in Deutschland, auf der Welt so und jeder hat andere Erfahrungen, die er zum Jahreswechsel mitnimmt. Viele sagen, die Tage zogen sich wie Kaugummi, aber gleichzeitig ging das Jahr rasend schnell vorbei. Uns ist danach, es Revue passieren zu lassen.

3. Januar 2020: Centro Tourismusmesse
An diesem Wochenende steht die Tourismusmesse im Mitteldom des Centro an. Wir betreuen einen Stand zusammen mit der OWT GmbH und sprechen mit vielen Besucherinnen und Besuchern. Unser Ausstellungsprogramm 2020 ist vollgepackt mit tollen Präsentationen: über die fotografischen Werke von Linda McCartney und Rudolf Holtappel und über die Illustratorinnen und Illustratoren, die zu den Geschichten von Otfried Preußler gezeichnet haben. Für jede Zielgruppe ist etwas dabei. Das vermitteln wir den Menschen an diesem Wochenende.
Wenige Tage und Wochen später erreichen alarmierende Nachrichten die Welt. In China gibt es ein neuartiges Virus. Für uns in der LUDWIGGALERIE ist das erst einmal weit weg.

16. Januar 2020 & 18. Januar 2020: Pressekonferenz und Eröffnung zur Ausstellung „Fotografin unter Musiker: Linda McCartney – The Sixties and more“
Wir sind überwältigt! Überaus zahlreich kommen Pressevertreterinnen und -vertreter in das Museum, um über die herausragende Ausstellung zu berichten. Unsere Direktorin Frau Dr. Vogt, aber auch wir alle, sind überglücklich und zuversichtlich, dass dies eine außergewöhnlich gut besuchte Ausstellung werden wird. Am Abend der Eröffnung ist jeder Zentimeter im Haupthaus besetzt! Die Gäste möchten die Schau mit den Fotoarbeiten von Linda McCartney eher als alle anderen sehen.

2. Februar 2020: Eröffnung „Jacques Tilly: Politik und Provokation – Karikaturen XXL“
 
Eröffnung im Kleinen Schloss, 2020 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

SO voll war die Panoramagalerie vielleicht noch nie. Die Menschen knubbeln sich.

Es ist für unser Ausstellungshaus ein traumhafter Start – die Menschen stehen Schlange an der Kasse,  die Besucherzahlen schießen in die Höhe und die Veranstaltungen im Rahmen unseres Ausstellungsprogramms im Februar platzen vor Anmeldungen aus allen Nähten.
 
Frank Goosen liest "Die Beatles und ich", 2020 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Und immer noch realisieren wir nicht, was auf uns zurollt.
Aber es vermehren sich die Nachrichten über das Corona-Virus. Es erreicht Europa. Eine Karnevalssitzung in Heinsberg und Après Ski in Ischgl sind die sogenannten „Superspreading-Events“. Am 11. März 2020 ist klar: Corona hat Oberhausen erreicht. Drei Tage später schließt die LUDWIGGALERIE im Rahmen des ersten Lockdowns.
 
Der Gedanke an ein geschlossenes Museum wirkt auf uns mehr als befremdlich. Die Bilder hängen an der Wand und niemand kann sie sich anschauen. Aber es macht sich auch Verständnis breit, da noch keinem klar ist, wie man mit der ganzen Situation bestenfalls umgehen sollte. Also wird – natürlich nur sinngemäß – in die Hände gespuckt: Wie bringen wir das, was eigentlich drinnen ist, nach draußen? Der Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit erarbeitet ein Online-Konzept. Es entstehen Audio-Statements von Jacques Tilly sowie von Aktivisten von FridayForFuture, wir entwickeln Redaktionspläne mit wiederkehrenden Themen, um unseren virtuellen Besuchern trotzdem ein gutes Programm zu bieten. Verwaltung und Besucherservice setzen in der Zwischenzeit die Corona-Regelungen um und beschaffen Equipment, um alle bestmöglich zu schützen. Wir wollen aufs Beste für die Wiedereröffnung der LUDWIGGALERIE vorbereitet sein, zu jeder Zeit.
 
Plexiglasscheibe an der Kasse im Haupthaus, 2020 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
 
7. Mai 2020: Pressekonferenz „Rudolf Holtappel – Die Zukunft hat schon begonnen. Ruhrgebietschronist Theaterdokumentarist Warenhausfotograf“
Knapp zwei Monate ist in Deutschland alles geschlossen – aber pünktlich zur Holtappel-Ausstellung dürfen wir öffnen. Aber es ist alles anders: die Pressekonferenz findet mit Beschränkung der Anzahl der Personen statt, Journalisten mit Maske unter Einhaltung des Mindestabstands etc., etc. Besonders bedauerlich ist zudem, dass eine Eröffnung nicht stattfinden darf.  Die sonst proppevollen Kuratorinnenführungen dürfen nicht stattfinden, erst später können wir, sehr beschränkt, Veranstaltungen machen, wie beispielsweise eine Midissage zur Rudolf Holtappel-Schau
 
11. und 12. September 2020: Preview und Eröffnung von „Räuber Hotzenplotz, Krabat und Die kleine Hexe. Otfried Preußler – Figurenschöpfer und Geschichtenerzähler“
Wir haben uns, aufgrund der guten Wetterprognose, für zwei getrennte Events im Freien entschieden: eine Preview und eine Eröffnung. Mit einem Hauch Dolce Vita und guter Stimmung wird die „Otfried Preußler“-Ausstellung feierlich eröffnet und die BesucherInnen können nach streng vorgegebenen Regeln ins Haus und die schönen Arbeiten der zahlreichen Preußler-IllustratorInnen bewundern.
 
Eröffnung unter freiem Himmel, 2020 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Sogar „Schlaflos“ in Oberhausen darf in diesem Monat stattfinden. Unser Märchenabend. Doch es gibt erneut Grund zur Besorgnis, die Corona-Infektionszahlen steigen wieder. Am Tage vor unserer ersten Eltern-Baby-Führung (ELTERN_BABYzeit – Mit dem Baby ins Museum!), einem neuen museumspädagogischen Format, wird verkündet, dass wir nach dem Wochenende die LUDWIGGALERIE erneut schließen müssen. „Lockdown light“ – die Leittragenden sind diejenigen, die Energie und Geld in Hygienekonzepte gesteckt haben: Museen und viele andere Kulturinstitutionen und - tätige, Restaurants, Dienstleister. Einige Museen, darunter unseres vertreten durch Frau Dr. Vogt, geben gemeinschaftlich ein Statement ab, dass sich das Verständnis für diese Maßnahme dieses Mal in Grenzen hält. Es heißt, einen Monat bleibt alles geschlossen. Aber ob wohl nicht doch verlängert wird?

Ende November ist klar: die LUDWIGGALERIE öffnet nicht wieder. Es bleibt beim Lockdown. Wir freuen uns aber, dass wir den Museumsshop betreiben können. Weiterhin kann man nicht vorausschauend planen, nur wochenweise. Alle Eventualitäten werden berücksichtigt, aber zur Hoffnung kommt inzwischen eine gehörige Portion Realismus. Was ist, wenn die Eröffnungen unserer neuen Ausstellungen ART ABOUT SHOES und WALTER KUROWSKI im Januar ausfallen? Wann dürfen wir überhaupt wieder öffnen?

Und so hängen wir weiter in der Schwebe und es bleibt uns vorerst nur übrig, im Januar eine Ausstellung ab- und die andere aufzubauen.
Aber auf eines kann man sich im Museumbetrieb verlassen: Alle Zeit bereit, die Türen für die Besucherinnen und Besucher zu öffnen!

 

Freitag, 18. Dezember 2020

Goldschuh, Silberschuh, Art About Shoes! - Kinder-Audioguide in progress

„Frau Bendorf? Was ist unser nächstes Thema in Audioguide?“
Als Vincent seine Frage stellt, blickt er kurz von dem Bild auf, das er gerade zeichnet (ein Monster mit sehr vielen Augen!). Tja, das wäre schön, wenn „Audioguide“ ein Schulfach wäre. Unser nächstes Thema wäre dann Comic und vielleicht würden wir dann sogenannte Soundwords (Kawumm! Boing!) vertonen… „AudioGuide“ wäre dann keine AG mehr, sondern vielleicht auch ein Unterrichtsthema im Fach „kulturelle Bildung“, nebenbei lernten die Kinder dann hier Lesekompetenz.
 
Julian übt fleißig seinen Text, 2020 © LUDWIGGALERIE, Foto: Linda Schmitz-Kleinreesink

 
Vorbereitung ist alles!, 2020 © LUDWIGGALERIE, Foto: Linda Schmitz-Kleinreesink
 
Wir haben den SchülerInnen zu Beginn eine Auswahl von Schuhgeschichten, -märchen und -gedichten hingelegt. Schnell hat sich jeder etwas herausgepickt. „Ich mach Aschenputtel mit Emma“, entscheidet Alena sofort. Dann, eine Stunde später: „Kann Emma auch Aschenputtel alleine machen? Das ist soooo schwer!“ – „Ja Alena, da hast du recht! Der Text ist auch echt lang und das Märchen ist in so alter Sprache, das ist ganz schön ungewohnt – möchtest du lieber ein Gedicht?“, bieten wir ihr an.
 
Alena hat eine angenehm kratzige und leicht raue Stimme, da passt was Witziges. „Goldschuh, Silberschuh, Lackschuh, Kackschuh. Kackschuh?!“ Das Mädchen kichert. Der „Kackschuh“ hat auch Julian hellhörig gemacht. „Was steht da noch?“. Er schnappt sich das dicke Gedichtebuch und fängt an, im Wechsel mit Vincent, daraus vorzulesen. Das Gedicht über leise und laute Fürze wird sofort zum Favoriten – passt aber leider auf Biegen und Brechen nicht zu unserem Schuh-Thema. Was aber viel wichtiger ist: völlig engagiert und mit großem Selbstverständnis sitzen hier zwei Drittklässler und lesen sich Gedichte vor. Mehrfach hintereinander und so oft, bis es gut klingt. Und immer mit dem Ergebnis: „Mach noch eins!“
 
Julian und Vincent lesen sich gegenseitig Gedichte vor, 2020 © LUDWIGGALERIE, Foto: Linda Schmitz-Kleinreesink
 
Derweil sitzen Moritz und Jonas schon im sogenannten „Moritzraum“ (der Moritzraum hat seinen Namen schon beim letzten Audioguide-Projekt erhalten, weil wir dem eher ruhigen Jungen die Möglichkeit gegeben haben, einen Raum auszusuchen, in dem er konzentriert üben kann – dass er hier seinen eigenen Raum hat, freut ihn sichtlich).
Der Kinder-Audioguide war auch schon „vor Corona“ ein Projekt, bei dem man Abstände einhalten musste, damit jeder laut Vorlesen üben kann. Dafür nutzen wir die inspirierenden und großzügigen Räumlichkeiten unserer Malschule. Zehn Kinder, fünf Räume, hohe Decken, riesige Fenster. Wer eine Pause vom Üben braucht, darf sich an Ullas gut bestücktem Materialschrank bedienen und etwas zeichnen.
 
Vincent lässt der Kreativität ihren freien Lauf, 2020 © LUDWIGGALERIE, Foto: Linda Schmitz-Kleinreesink
 
Und endlich komme ich auch mal mit den richtigen Bilderbuch-Experten ins Gespräch: „Leyla, was hast du als letztes gelesen?“ – „Latte Igel!“ – „ Ah das kenne ich, denn ich kenne den Illustrator– „Ja, das hat Daniel Napp gemacht. Steht ja auch vorne drauf. Der hat auch den kleinen Wassermann gemacht. Hab ich gesehen, als ich mit Frau Bendorf im Museum war.“ Ich bin beeindruckt von Leyla, aber auch von der Projektdichte unserer Museumspädagoginnen. Krönchen-AG, Audioguide, RuhrKunstUrban ... Ich schaue auf die Fensterbank und bewundere die hübschen Solar-LED-Gläser, in denen kleine akribisch geformte Tonfigürchen sitzen – das hätte ich, nicht nur als Kind, auch gerne gemacht! Die Gläser sind für RuhrKunstUrban entstanden. Andere Geschichte (künftiger Blogartikel), aber sie stehen eben nun mal hier in der Malschule, wo sich vieles verzahnt und gegenseitig beflügeln darf.
 
Zoe übt ihren Text vor der Aufnahme, 2020 © LUDWIGGALERIE, Foto: Linda Schmitz-Kleinreesink
 
Derweil üben Alena und Emma schwierigere Wörter. „Blondgelockter Jüngling“… „Stulle – ich sag immer Strulle… Stulle! Stulle!“. Betonung, Pausen machen, Fragezeichen = Stimme rauf – bei wem das schon alles sitzt, der darf zu Kevin vors Mikro und aufnehmen. Ich öffne vorsichtig die Tür und ernte Augenrollen, weil ich die Aufnahme gestört habe. Immer das gleiche - Sorry! Da sitzt Henriette vor dem Mikro und hat die dicken Kopfhörer auf den Ohren, während Kevin die Aufnahme steuert. Das klingt super! Ich bin beeindruckt und gehe zu Jonas und Moritz, die im besagten Moritzraum üben: Sie lesen „Der gestiefelte Kater“.
Kevin bringt Henriette zurück von der Aufnahme: „Top! Die hat das gerockt! Ganz aufrecht und konzentriert hat sie da vorm Mikro gesessen und einfach runtergelesen! Betonung inklusive!“ Jetzt darf sie sich ruhig auf dem Erfolg ausruhen. Da klopft es. „Frau Bendorf, wo warst du denn?“, „Ich hab Stutenkerle geholt. Kleine Stärkung!“ Jetzt ist Vincent sich noch sicherer: „das ist wirklich die beste AG!“
 

Emma/ Emma und Alena beim Aufnehmen ihrer Texte, 2020 © LUDWIGGALERIE, Foto: Linda Schmitz-Kleinreesink
 
Der Kinder-Audioguide für die LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen entsteht jetzt zum vierten Mal in Kooperation mit der Grundschule Luisenschule.
Das Audioguide-Team:
Ursula Bendorf-Depenbrock, Museumspädagogin an der LUDWIGGALERIE und Leiterin der Malschule unterrichtet an der Luisenschule und organisiert passende Kooperationen. Gemeinsam mit Linda Schmitz-Kleinreesink, Kuratorin an der LUDWIGGALERIE, führt sie das Projekt durch.
Kevin Casper, Medienpädagoge, setzt die technische Betreuung des Projekts und die damit verbundenen Tonaufnahmen mit den Kindern um.
 
Text und Fotos von Linda Schmitz-Kleinreesink

Freitag, 11. Dezember 2020

LUDWIG CHARTS 2.0: weltweit – grenzenlos – neu gedacht

Jugendliche besuchen Ludwig-Museen virtuell und kreieren eigene Ausstellung
von Sarah Bauer 
[Anmerkung: Das Projekt fand vor den aktuellen Schließungen und Hygiene-Beschränkungen statt]. 

Köln, Budapest, Sankt Petersburg! Klingt fast wie auf einem Werbeplakat für einen internationalen Fashion-Store. Doch die 12- bis 14-jährigen Schüler der Theodor-Heuss-Realschule in Oberhausen sind nicht auf einem Shopping-Trip, sondern virtuell unterwegs in den Sammlungen der Ludwig-Museen weltweit.

Oliver, im Hintergrund Karim bei der Recherche, Foto: Ursula Bendorf-Depenbrock

(Die Fotos entstanden vor den aktuellen Schließungen und Hygiene-Beschränkungen)

Reethana wählt ihre LUDWIGs, Foto: Ursula Bendorf-Depenbrock

Die „Exkursion“ ist Teil des beliebten Projekts LUDWIG CHARTS, bei dem Kinder und Jugendliche seit vielen Jahren in die LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen kommen, um dort in den Ausstellungen ihre TOP10-Lieblingswerke auszuwählen. Dabei führen die engagierten Museumspädagoginnen die Kids nicht nur spielerisch an Kunst und Kultur heran, sondern stärken auch Selbstbewusstsein und Medienkompetenz der Teilnehmer durch Sprechtrainings und Präsentationen vor Publikum.

Erkundung der Umgebung, Foto: Ursula Bendorf-Depenbrock
 
 Upgrade für das Jugendprojekt LUDWIG CHARTS

„Das Projekt ist an den Schulen im Umkreis so beliebt, dass wir immer viel mehr Anmeldungen als Plätze haben“, erklärt Museumspädagogin Ursula Bendorf-Depenbrock. Und obwohl die LUDWIG CHARTS so erfolgreich sind, haben sich Bendorf-Depenbrock und ihre Kollegin Sabine Falkenbach nie auf den bunten Lorbeeren ausgeruht. „Dieses Mal wollten wir noch weiter hinaus und nicht nur die TOP10 der aktuellen Ausstellung in der LUDWIGGALERIE finden, sondern die TOP10 aller Ludwig-Häuser in der ganzen Welt“, beschreibt Sabine Falkenbach die Vision ganz am Anfang des Projekts.  

LUDWIG CHARTS 2.0 - Das gesamte Team war gleich begeistert.

Nun muss man dazu erst einmal wissen, dass die LUDWIGGALERIE im Schloss Oberhausen nicht das einzige Museum ist, das Werke aus der großen Sammlung von Peter und Irene Ludwig zeigt. 14 Ludwig-Museen gibt es rund um den Globus. Von Köln bis Aachen, von Wien bis Budapest, von Sankt Petersburg bis Peking. Das ist für die Jugendlichen der Theodor-Heuss-Realschule natürlich aufregend. „Klar können wir jetzt nicht mal eben nach Russland oder China reisen“, scherzt Ursula Bendorf-Depenbrock. „Aber dafür haben wir ja Internet, Handys und das große Bücherdepot im Schloss Oberhausen.“

Jugendliche begeistern sich für Kunst – ein Erfolg!

Dort tauchen die Kids dann auch gleich ein, schnüffeln durch Bildbände vergangener Ausstellungen, recherchieren am Computer in der Schule; denken, diskutieren, drucken.

„Boah, das ist ganz schön viel Kunst“, staunt Leon, als er durch die Seiten mit verschiedensten Gemälden und Skulpturen klickt. Gar nicht so langweilig wie Mathe oder Chemie, wo der ein oder andere manchmal versonnen aus dem Fenster starrt und lieber ans Wochenende denkt. Kayra ist so vertieft in seine Recherche, dass er kaum noch etwas um sich herum mitbekommt.

Kayra ist vertieft in seine Recherche, Foto: Ursula Bendorf-Depenbrock

(Die Fotos entstanden vor den aktuellen Schließungen und Hygiene-Beschränkungen)

Filip druckt seine Auswahl aus, Foto: Ursula Bendorf-Depenbrock

„Es ist toll für uns, zu sehen, wie sich Jugendliche, die sich sonst wenig mit Kunst beschäftigen und deren Hobby nicht gerade die Recherche ist, auf einmal aufblühen, neugierig werden, Fragen stellen, debattieren.“

Barbara Grubenbecher vom LUDWIG CHARTS-Team hilft den Kids, die vielen Gedanken zu sortieren und sich am Ende zu artikulieren. Denn die TOP10 aller Kunstwerke sollen am Ende in einem klappbaren Erzähltheater präsentiert werden. Eine Ausstellung im Miniformat, kuratiert durch die Schüler der Theodor-Heuss-Realschule. Ganz ohne Denkbarrieren, Hochkultur und Scheu

Louis und Karim kuratieren für das „Kamishibai“ (Mini-Museumswände), Foto: Ursula Bendorf-Depenbrock

Selina und Lucy präsentieren vor der Gruppe,
Foto: Ursula Bendorf-Depenbrock

 
Abschlusspräsentation der LUDWIG CHARTS 2.0 unter erschwerten Bedingungen

„Es ist uns wichtig, dass es nicht starr und wie im Unterricht zugeht“, erklärt Ursula Bendorf-Depenbrock. „Wir wollen, dass die Kinder ausprobieren, kreativ sind, ihre eigenen Ideen formulieren, lachen, Kunst auf ihre Weise erspüren und entdecken.“

So gibt es in der Pause dann auch den Running Gag vom „Team Banane“, das es zur Tradition macht, als Nachtisch jedes Mal Bananen zu verschlingen.

„Team Banane“ mit entsprechenden Shirts, Foto: Ursula Bendorf-Depenbrock

Der Projektabschluss samt Präsentation findet aufgrund der aktuellen Corona-Situation in den Räumlichkeiten der Schule und leider ohne Eltern, Geschwister und Freunde statt.

Dennoch: Fotograf Axel Scherer hat wie immer starke Portraits der Teilnehmer geschossen und Medien-Mann Kevin Casper richtet eine professionelle Beamer-Show ein.

„Es hat unglaublich viel Spaß gemacht“, erklärt Schülerin Selina. „Ich habe so viel über Kunst gesehen und gelesen, wie noch nie in meinem Leben und bin echt stolz auf das, was wir geschafft haben.“

Ursula Bendorf-Depenbrock und Sabine Falkenbach lächeln im Hintergrund. Ob sie wohl schon wieder etwas Neues aushecken für die LUDWIG CHARTS?

 

Über die Sammlung Ludwig und die Ludwig-Museen weltweit

Das Sammlerpaar Peter und Irene Ludwig hat schon zu Studentenzeiten angefangen, Kunst zu sammeln. Dabei haben sich die beiden nicht nur auf ein Genre spezialisiert. Skulpturen, Malereien, Fliesen und Keramik – es ist alles dabei. Von der griechischen Antike über den Barock bis zur amerikanischen Pop-Art. Zur Sammlung gehören heute, nach dem Tod des Ehepaars, tausende von Objekten, die in den Ludwig-Museen weltweit in immer neuen, thematischen Ausstellungen gezeigt werden.


Freitag, 13. November 2020

Oberhausen im Ruhrgebiet – Die Geschichte einer außergewöhnlichen Ruhrstadt

Zum 100. Geburtstag der ersten politischen Vertretung des Ruhrgebiets

Von Dr. Magnus Dellwig

Im Jahr 1920 wird Groß-Berlin gebildet. Die Metropolregion an der Spree mit fast 4 Millionen Einwohnern rückt damit in die erste Liga der europäischen Zentren auf. Das Ruhrgebiet und der Staat Preußen nehmen das als Anstoß und fassen auch das Ruhrgebiet erstmals in seiner Geschichte verwaltungsmäßig zusammen: 1920 entsteht der SVR – der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk. Er ist mit fast 6 Millionen Einwohnern Europas größte Industrieregion. Seine Kommunen erkannten damals, dass so elementare Aufgaben wie Verkehr, Wohnen, Grünflächen, Stadtplanung nicht mehr in den Griff zu bekommen wären, falls nicht interkommunal zusammengearbeitet werde.

So kleidete sich ein Oberhausener Pärchen zum Flanieren auf der Marktstraße nach 1920, Ausstellungsansicht, 2020 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Was ist in Oberhausen anders als im Rest des Ruhrgebiets? – Eine Stadt entsteht ohne vorindustrielle Wurzeln!

Blicken wir heute auf das Ruhrgebiet, herrscht die weit verbreitete Meinung: Die Städte der Region sind sich sehr ähnlich, haben eine weitgehend gleiche Prägung durch die Epoche von Kohle und Stahl erlebt. Deshalb ist es klar, vom Ruhrgebiet als einer Region zu sprechen.

Dem stelle ich die etwas provokative These entgegen: Oberhausen ist anders als jede der übrigen Städte zwischen Moers und Hamm, zwischen Recklinghausen und Hagen! Das Einmalige an Oberhausen ist: Vor dem Einzug von Industrie und Eisenbahn gab es nichts! Kein Dorf, keine Kirche, keine Schule, keinen Marktplatz, keine öffentliche Verwaltung. Oberhausen entstand auf 900 Hektar Lipperheide. Der Sandboden war so bescheiden – Entschuldigung, ertragsarm – dass im Zeitalter der Landwirtschaft, das von der Steinzeit bis zur Erfindung der Dampfmaschine reichte, für Menschen schlicht die Lebensgrundlagen fehlten. Und das war nirgends im Ruhrgebiet so! Duisburg, Essen, Recklinghausen und Dortmund waren Städte, Osterfeld und Sterkrade immerhin Dörfer. An ihre Ränder konnte sich Industrie anlagern. In Oberhausen wurde 1846/47 die Köln-Mindener Eisenbahn – die „A 3“ des 19. Jahrhunderts - von Köln nach Berlin gebaut und sogar ein Bahnhof angelegt. In nur 10 Jahren war der Ring um diesen Bahnhof mit Fabriken geschlossen. Eiligst mussten nun Straßen, Wohngebäude, Schulen und alles weitere her. Die 1862 gegründete Bürgermeisterei Oberhausen hechelte fortan der dynamischen Industrialisierung und Städtebildung hinterher. Und wie dynamisch Oberhausen war! Eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt: Binnen eines halben Jahrhunderts von 1862 bis zum Ersten Weltkrieg explodierte die Bevölkerungszahl fast um das 20-Fache: Aus 5.590 wurden 103.500 EinwohnerInnen.

Es sollte das Zentrum Oberhausens werden – dann versank der Raum im Wasser. Von 1970 bis 1880 erstreckte sich die Bergsenkung „Concordia-See“ vom heutigen Gesundheitsamt bis zum John-Lennon-Platz. Karte von Oberhausen mit der Ausdehnung des Concordia Sees, 1913 © Stadtarchiv Oberhausen

Die Häuser an der heutigen Grillostraße bekamen nasse Füße. Der Concordia-See war bis zu 2,50 Meter tief und 13! Hektar groß. – Erst mit Bau der Kanalisation verschwand er schließlich. Concordia See, um 1875 © Stadtarchiv Oberhausen

Aber trotz dieser schwierigen Umstände, die Oberhausener Kommunalpolitiker und Bürgermeister schafften es, die Lebensbedingungen immer weiter zu verbessern. Das war teuer, kostete Steuergeld, wurde aber von den Industriellen und Kleinunternehmern im Stadtrat eingesehen: Ihre Fabriken und Geschäfte konnten nicht wachsen und verdienen, wenn nicht die Stadt um sie herum geordnet mit wuchs. Vor allem brauchte die Stadt Wohnungen für Arbeitskräfte, Schulen für deren Kinder, aus denen ja wieder Arbeitskräfte werden sollten.

Neben dem Rathaus waren sie Highlights des Backsteinexpressionismus der 1920er Jahre. Die Qualität der Architektur öffentlicher Gebäude gab der Innenstadt großstädtisches Flair!

Was diese Besonderheit Oberhausens gegenüber dem Rest des Ruhrgebietes – und ganz Deutschlands im 19. Jahrhundert – bis heute bewirkte? Gehen wir von Norden nach Süden über den Oberhausener Friedensplatz vom Amtsgericht an der Polizei vorbei zum Europahaus und weiter zum Bert-Brecht-Haus, dann begreifen wir es! Auf dieser Fläche, die heute eine gelungen gestaltete Brücke schlägt vom Geschäftszentrum Marktstraße zum Verkehrs- und Verwaltungszentrum zwischen Bahnhof und Rathaus, stand bis 1903 eine mächtige Fabrik. Auf  200 mal 350 Metern breiteten sich Hochöfen und Werkshallen der Styrumer Eisenindustrie aus. 700 Menschen arbeiteten dort. Dann stellte die Eisenhütte 1901 den Betrieb ein. Über 25 Jahre gestaltete die Stadt beharrlich diesen Raum um und schuf damit erst eine zusammenhängende, großstädtische Innenstadt. Rechteckige Straßen und Plätze, viele Parks prägen Oberhausen dort, wo andernorts ein Straßenring auf den Fundamenten einer ehemaligen Stadtmauer ein verwinkeltes Straßennetz umschließt.

Kommen Sie in unsere Ausstellung „Oberhausen. Aufbruch macht Geschichte. Strukturwandel 1847–2006“, wenn diese wieder öffnet! Schauen Sie selbst anhand alter Karten und neuer Pläne, was Oberhausen ausmacht und wie tiefgreifend es sich veränderte! Hier zeigen wir Ihnen aber schon einmal die eben erzählte Geschichte vom Verschwinden der Styrumer Eisenindustrie: In den äußerst detaillierten Stadtplan von 1921, der einen noch weitgehend unbebauten Friedensplatz zeigt, ist die vorherige Lage der Fabrik in den Ausmaßen von 1857 hineinmontiert. Schon 1872 aber war die Styrumer Eisenindustrie doppelt so lang geworden und erstreckte sich bis zum heutigen Bert-Brecht-Haus am Saporisha-Platz (damals Industriestraße).

Die Kartenmontagen der Bebauung von 1857 in den offiziellen Stadtplänen von 1872 und 1921 zeigen: Erst explodierte die Bebauung und die Größe der Fabriken am Bahnhof. Dann verschwand die Industrie aus dem wertvollen Raum zwischen Altmarkt und Rathaus.